73. Die Klimakatastrophe 3 oder Kein CO2 ist auch keine Lösung

Die Klimakatastrophe 3

oder

Kein CO2 ist auch keine Lösung

                                 

Beschäftigt man sich mit den wissenschaftlichen Daten zum Klima fallen einem mit der Zeit zahlreiche Diskrepanzen auf zwischen der öffentlichen Diskussion einerseits und der wissenschaftlichen Diskussion andererseits.

Während in öffentlichen Beiträgen die Hiobsbotschafter und Weltuntergangspropheten sich mit immer groteskeren Szenarien des globalen Hitzetodes überbieten und die Klimaleugner über die CO2-Lüge philosophieren und die Klimaerwärmung als natürlich oder Fake-News bezeichnen, stellen sich die Wissenschaftler die Frage:

Warum ist es auf der Erde so kalt?

Das ist kein Scherz! Dazu eine Eiszeit-Grafik:

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Earle, S. (2015). Physical Geology. Victoria, B.C.: BCcampus. Retrieved from https://opentextbc.ca/geology/.

Oben die Zeitskala (Ma = Millionen Jahre), darunter die Erdzeitalter. Die blauen Vierecke zeigen die Eiszeitepochen an. Das kleine blaue Viereck neben Cenozoic rechts unten, das ist die Gegenwart. Wir leben tatsächlich in einer der kältesten Zeiten der letzten 4,5 Mrd Jahre! Die Temperaturentwicklung der letzten 60 Mill Jahre sieht man auf der nächsten Grafik:

Klima2

Earle, S. (2015). Physical Geology. Victoria, B.C.: BCcampus. Retrieved from https://opentextbc.ca/geology/.

Das Antarktiseis gibt es seit 30 – 40 Mill Jahren, das Grönlandeis seit 5 – 10 Mill Jahren. Vor 50 Mill Jahren war es auf der Erde 12 – 15 Grad wärmer. Also durchschnittliche Jahresdurchschnittstemperatur in Bregenz 23 – 26°C. Das entspricht fast der heutigen Durchschnittstemperatur von Mombasa (Kenia). Der Grund: CO2!

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Dr. James E. Hansen, Earth Institute, Columbia University

Man sieht, wenn man die letzten 2 Grafiken vergleicht (Mya = Millionen Jahre), wie dominant CO2 die globale Temperatur bestimmt und wie extrem niedrig der jetzige CO2 Gehalt der Atmosphäre ist. CO2 ist nach derzeitigem Wissen der langfristig bestimmende Faktor. Die Realität ist nix für Klimaleugner!

CO2 wird über den Vulkanismus freigesetzt und durch Gesteinsverwitterung und die Ablagerung organischer Substanzen, die durch Photosynthese produziert worden sind, wieder aus der Atmosphäre entfernt. Das Gleichgewicht zwischen diesen Prozessen bestimmt den CO2-Gehalt der Luft und damit das Klima. Der Vulkanismus ist einigermaßen konstant und nimmt langsam ab. Die Gesteinsverwitterung ist seit Bildung des Himalaya relativ hoch und die Photosynthese wird tendenziell effektiver, die C4-Pflanzen sind sogar auf niedrigen CO2 Gehalt spezialisiert. Dadurch erklären sich die momentan niedrigen globalen Temperaturen. Überlagert wird das CO2-Klima durch astronomische Faktoren wie Sonnenaktivität, Erdachsenneigung oder Exzentrizität der Erdumlaufbahn sowie durch Albedo, Methan etc.

So, was würde jetzt passieren, wenn wir Menschen mit der CO2 Produktion aufhören würden also vollständig klimaneutrale Politik, wie von den Klimahysterikern gefordert. Dazu eine weitere Grafik:

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Wikipedia

Die Grafik stammt meines Wissens aus der Aufarbeitung von Eisbohrkernen aus der Antarktis. Wostok und EPICA sind unterschiedliche Forschungsstationen. Die gestrichelten Linien entsprechen der gegenwärtigen Situation. Man sieht, die Durchschnittstemperatur der letzten 450 Mill. Jahre (meines Wissens sogar ca. 2000 Mill. Jahre) liegt etwa 3-4°C unter dem jetzigen Niveau, über weite Strecken sind es sogar 6-8°C. Man sieht weiters, dass wir uns in einer Zwischeneiszeit befinden in der die Temperatur vermutlich aus astronomischen Gründen kurzfristig höher liegt. Die Zwischeneiszeiten dauern zumeist 10000 manchmal bis 30000 Jahre, die derzeitige dauert inzwischen 11500 Jahre.

Was heißt 4°C weniger? Überlegen wir uns das! Bregenz liegt auf 400m Meereshöhe. 1°C entspricht 200 Höhenmetern. 4°C sind also 800 Höhenmeter. Bei 4°C weniger hätte Bregenz ein Klima wie heute auf 1200m Meereshöhe, das entspricht etwa der Ortschaft Schröcken im Bregenzerwald (1269m). Im Winter läge die Temperatur ca. 3 Monate unter null, d.h. alle stehenden Gewässer einschl. Bodensee frieren regelmäßig zu. Die Schneedecke wäre bis Mitte März geschlossen und die Vegetationszeiten würden sich um ca. 2-3 Monate verkürzen. Die Gletscherbildungsgrenze würde von ca. 2600m (0°C-Grenze) auf 1800m sinken, es würden sich im Bregenzerwald oder in sämtlichen Mittelgebirgen Gletscher bilden, die in die Täler fließen würden. Der Großteil der Alpen wäre unbesiedelbar.

Was heißt 8°C weniger? Das Klima in Bregenz wäre dann wie heute auf 2000m, die Gletscherbildungsgrenze würde auf 1000m sinken, d.h. auf dem Pfänder (1069m) dem Bregenzer Hausberg würde ganzjährig Schnee liegen und sich ein Gletscher bilden. Die Gletscher würden die Täler successive auffüllen und würden schlussendlich weit ins Alpenvorland reichen. Die nächste Grafik zeigt die maximale Vergletscherung der letzten beiden Eiszeiten:

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Wikipedia

Entscheidend ist dabei die Permafrostgrenze (rote Linie), oberhalb dieser Grenze ist außer Renntierzucht keine Landwirtschaft mehr möglich. Etwa 2/3 der Europäer ev. sogar noch mehr würden ihren Lebensraum verlieren. Selbst in Nizza also am Mittelmeer wäre es ungemütlich kalt, Durchschnittstemperatur 9°C so wie heute in Oslo.

Meine Beschreibung ist, soweit ich informiert bin, derzeitiger Wissensstand. Was man nicht genau weiß, ist, wann die nächste Eiszeit beginnen sollte. Zwischen gestern und in 15000 Jahren gibt es alle Meinungen.

Um die nächste Eiszeit zu verhindern und die jetzige Temperatur zu erhalten, müsste man die globale Temperatur um etwa 4°C anheben bzw. ausgleichen. Das wäre möglich, indem man den CO2 Gehalt der Luft verdoppelt von 300 ppm vorindustriell auf etwa 600 ppm. Das würden wir bei der jetzigen CO2 Produktion etwa in 100 Jahren erreichen. Und tatsächlich gibt es viele Forscher, die genau diese Meinung vertreten:

Wir verhindern gerade die nächste Eiszeit!

Man hört diese Meinung öffentlich nicht so häufig, in Zeiten der allgemeinen Klimahysterie macht man sich da nicht beliebt, aber beim Nachlesen trifft man sie immer wieder. Der Glaube, dass ein Ende der CO2-Produktion alle Probleme löst, ist jedenfalls fragwürdig, oder anders:

Kein CO2 ist auch keine Lösung!

Jedenfalls wären wir dann den natürlichen Klimaschwankungen ausgeliefert und die sind erheblich, wie gerade beschrieben. Ökologisch frieren ist auch nicht lustig.

Heißt das jetzt, wir können einfach so weitermachen? Absolut nicht, weil dann müssten wir in 100 Jahren mit der CO2-Produktion abrupt aufhören, und das würde auch nicht funktionieren, aber davon mehr im nächsten Artikel.

Freundschaft

Peter

 

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72. Die Klimakatastrophe 2 und Warum manche Pflanzen am Tag die Luft anhalten

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Warm, feucht, hoher CO2-Gehalt, üppige Vegetation, Dinosaurier!

Die Klimakatastrophe 2

und

Warum manche Pflanzen

am Tag die Luft anhalten

Bereits in meinem ersten Artikel habe ich die jetzige Klimadiskussion als Auseinandersetzung zwischen Klimaleugnern und Klimahysterikern beschrieben. Das war noch vor Beginn meines Masterstudiums. Inzwischen hat sich mein Wissensstand deutlich vergrößert, die Einschätzung der Situation hat sich wenig verändert. Ich bin beiden Seiten gegenüber immer noch gleich skeptisch, kann es inzwischen aber besser begründen. Ein paar überraschende Fakten:

  • Die momentane Temperatur ist langfristig betrachtet nicht besonders hoch sondern besonders niedrig. Im Erdmittelater (Trias, Jura, Kreide) war die Temperatur ca. 10 Grad höher.
  • Der CO2-Gehalt der Luft ist erdgeschichtlich betrachtet ebenfalls nicht besonders hoch sondern besonders niedrig. Im Erdmittelalter war er etwa 3 – 6 mal so hoch wie vorindustriell und zwar mindestens 150 Mill. Jahre lang.
  • Im Erdmittelalter war es also wärmer, feuchter und es hat eine wesentlich höhere CO2-Konzentration in der Luft gegeben. Katastrophe? Von wegen, tropisches Paradies! Damals haben die Dinosaurier gelebt, also bis 100 Tonnen schwere Landtiere. Die haben jede Menge Futter gebraucht und das ist damals auch gewachsen. Die Tropen haben bis ins heutige Europa gereicht und an den Polen war das Klima gemäßigt, also Wiesen und Wälder in Grönland und der Antarktis.
  • Das Klima war damals am Äquator nur wenig, an den Polen dafür wesentlich wärmer als heute. Der Grund ist das Wärmetransportsystem der Erde, das Wärme umso effektiver vom Äquator an die Pole bringt, je wärmer es ist.
  • Der heute sehr niedrige CO2-Gehalt hat dazu geführt, dass sich Pflanzen entwickelt haben, die sich an diese Situation angepasst haben, sogenannte C4-Pflanzen. CO2 wird bei diesen Pflanzen von einem Kohlenwasserstoff mit 4 Kohlenstoffatomen gespeichert, dieses Molekül hat eine stärkere Bindung zu CO2, weswegen diese Pflanzen auch bei CO2-Mangel ausreichend Photosynthese betreiben können und gut wachsen. Diese Pflanzen haben sich in den letzen 30 Mill. Jahren entwickelt also parallel zum sinkenden CO2-Gehalt. Ein Beispiel für eine C4-Pflanze ist der Mais.
  • Noch ausgeprägter ist die Anpassung bei den CAM-Pflanzen. Das heutige Klima ist nicht nur gekennzeichnet durch den niedrigen CO2-Gehalt der Luft sondern es ist auch besonders trocken, weil kühl. Pflanzen atmen wie wir Menschen nur umgekehrt, sie atmen CO2 ein und O2 aus. Durch die dafür notwendigen Atmungsschlitze verlieren sie aber kostbares Wasser insbesondere am Tag. Also atmen sie in der Nacht, speichern CO2 und betreiben am Tag Photosynthese ohne zu atmen. Sie halten also am Tag die Luft an. Ein Beispiel für eine CAM-Pflanze ist das Brutblatt, das als Zimmerpflanze sehr beliebt ist.
  • Die ursprünglichen Pflanzen sind die C3-Pflanzen, die ihr Wachstumsoptimum bei einer CO2-Konzentration haben, die zumindest 2 – 3 mal so hoch ist wie der heutige Wert. Viele Pflanzen würden bei höherem CO2-Gehalt schneller wachsen und zwar bis über 50%.
  • Die Meeresspiegel schwanken interessanterweise nicht weil es wärmer wird, sondern weil es so kalt ist. Gäbe es keine Gletscher so wie im Erdmittelalter, könnte auch kein Wasser freigesetzt oder gebunden werden und die Meeresspiegel wären wesentlich konstanter.
  • Nach übereinstimmender Meinung leben wir in einer Zwischeneiszeit. Ohne Einfluß des Menschen müsste irgendwann die nächste Eiszeit beginnen. In den 70er Jahren hat es Wissenschaftler gegeben, die gemeint haben, die nächste Eiszeit habe „ohne jeden Zweifel“ bereits begonnen. 1963 ist das letzte Mal der Bodensee zugefroren.
  • Die natürlichen Klimaschwankungen sind zum Teil erheblich. Am Ende der letzten Eiszeit ist die Temperatur in wenigen hundert Jahren um ca. 8 Grad gestiegen und der Meeresspiegel in einem etwas längeren Zeitraum um 120 m angestiegen. Der Mensch war nicht schuld und die Welt ist nicht untergegangen, jedenfalls soweit ich weiss. Nur die Mammuts sind ausgestorben, da hat der Mensch zumindest mitgeholfen.
  • Die Versauerung der Meere ist auch so eine Sache. Die Meere sind auf Grund des niedrigen CO2-Gehaltes nämlich im Moment eher basisch. Mehr CO2 würde sie nicht sauer machen sondern neutral. Das Meer wäre danach nicht tot, es würden lediglich Lebensformen in den Vordergrund treten, die nicht auf basische Wasserbedingungen spezialisiert sind.

Die Behauptung, dass eine Temperaturerhöhung von 10 Grad der Weltuntergang wäre ist daher schlicht und ergreifend Blödsinn.

Heißt das jetzt, die Klimapolitik ist Unfug? Keineswegs! Bei der jetzigen CO2-Produktion könnte das Klima langfristig weit über die 10 Grad hinausschießen und irgendwann wird es dann ungemütlich. Außerdem erfolgt die Erwärmung viel zu schnell, viele Ökosysteme werden diese rasante Entwicklung nicht verkraften von der menschlichen Zivilisation ganz zu schweigen. D.h. auf Dauer können wir nicht so weiter machen.

Es besteht aber kein Grund zur Panik, die geschilderten Abläufe brauchen Jahrhunderte. Als Faustregel gilt: Eine Verdoppelung des  CO2-Gehaltes bewirkt eine Erwärmung von 4 Grad Celsius. Wir müssten für 8 Grad also von 300 auf 1200 ppm CO2, 100 ppm haben wir schon geschafft, in ca. 50 Jahren, bleiben also noch 400 Jahre. Wir haben also Zeit, wir müssen das Problem nicht in 10 Jahren lösen, wäre auch gar nicht möglich.

So einfach wird es nämlich nicht. Ich sehe eine Aussage bestätigt, die ich im ersten Artikel getätigt habe. Die Klimaerwärmung ist eine Folge der Bevölkerungsexplosion. Das Problem sind nicht die USA und Europa, hier sinkt die CO2-Produktion schon wieder, das Problem sind  die Schwellen- und Entwicklungsländer insbesondere Indien und China also die Länder mit der größten Bevölkerung. Diese Länder entwickeln sich gerade rasant mit explodierendem CO2-Ausstoß. Dazu kommt das Bevölkerungswachstum von 85 Mill. pro Jahr, die wollen alle gut leben, so wie wir und Energie verbrauchen, so wie wir. Ohne Lösung des Bevölkerungsproblems keine Lösung des Klimaproblems!

 

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Entwicklung der globalen CO2-Produktion seit 1960

Wir müssen zu allererst einmal erreichen, dass der globale CO2-Ausstoß nicht noch weiter steigt. Auf einer Erde mit Bevölkerungswachstum, wirtschaftlicher Entwicklung und zahlreichen Diktaturen wird das schon schwierig genug. Der Großeil der Energie wird heute noch fossil gewonnen, das auch nur teilweise zu ersetzen wird extrem schwierig. Wenn wir in diesem Jahrhundert eine nennenswerte Reduktion bewirken dann wäre das ein riesen Erfolg, wenn!

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Globaler Verbrauch verschiedener Energieressourcen

Andererseits ist die jetzige Situation auch eine Chance! Die Menschheit hat mit dem CO2 zum ersten Mal ein Instrument in der Hand mit dem man das Klima auf der Erde steuern könnte, diese Chance müsste man nutzen. Man müsste sich überlegen, welche Temperatur wäre ideal und wie kann man sie stabilisieren. Es ist also nicht alles negativ! Und wie gesagt, 5 – 10 Grad wärmer wäre insgesamt nicht so schlecht, jedenfalls meine Meinung.

Ich dreh jetzt eine Runde mit meinem Motorrad und tu was fürs Klima von morgen!

Freundschaft

Peter

71. Die Freiheitsformel

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Die Freiheitsformel

Manchmal hat man verrückte Ideen, die man selber nicht ernst nimmt, die einen aber nicht loslassen. Eine solche Idee ist mir vor ca. 25 Jahren geschossen. Ich hätte mir nie gedacht, dass diese Idee einmal zu einer mathematischen Formel führen würde, noch dass ich einmal einen Artikel darüber schreiben würde. Ich hätte mich damals wahrscheinlich selber ausgelacht. Doch siehe da, voilá.

Am Anfang der Geschichte stehen meine Mutter und ein Herr namens Edward Teller, allgemein als Vater der Wasserstoffbombe bezeichnet, obwohl dieser nur einer von Mehreren einer Forschergruppe war, die daran gearbeitet haben. Die Frage lautet jetzt: Was hat meine Mutter mit der Wasserstoffbombe zu tun? Antwort: Außer vielleicht ein paar charakterlichen Ähnlichkeiten, nichts!

Ich bin ja ein Bürgersöhnchen und meine Mutter eine Bürgermutter, obwohl sie als Arbeiterkind aufgewachsen ist. Und als überzeugte Bürgerfrau hat sie immer über die bösen Kommunisten geschimpft: „In den kommunistischen Ländern haben sie keine Freiheit und weil niemand etwas tun kann, funktioniert dort auch nichts.“

Wenn aber Firmen oder Unternehmer völlige Freiheit haben, redet man plötzlich nicht mehr von den Vorteilen sondern nur mehr vom Schaden, Umweltverschmutzung, schlechte Arbeitsbedingungen, Anhäufung von Geld und Macht, Lobbyismus etc. Diese Beobachtungen haben bald zu dem Eindruck geführt, dass ein zu viel an Freiheit genauso schädlich ist wie ein zu wenig.

Und jetzt kommt der Herr Teller ins Spiel. Ich habe irgendwann damals ein Interview mit diesem Herrn gesehen, in dem es auch um das Weltraumprogramm SDI gegangen ist, ein Prestigeobjekt des ehemaligen Präsidenten Ronald Reagan, das zum Ziel hatte, die USA mit bestimmten Sience-Fiction-Waffen gegen Raketenangriffe von außen zu verteidigen. In diesem Interview hat er, soweit ich mich erinnern kann, ungefähr folgenden Satz gesagt:

„Es ist wesentlich leichter etwas zu zerstören, als etwas aufzubauen.“

Der Satz hat mich auf die Idee gebracht, dass Schaden einem anderen mathematischen Mechanismus folgt wie Nutzen. Und genau diese Idee hat mich die ganze Zeit fasziniert.

Aber wie formuliert man das? Ich habe lange nicht wirklich versucht, das exakt zu definieren, aber die Idee ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Irgendwann habe ich mich dabei ertappt, konkret darüber nachzudenken und dann ist das erste Konzept relativ schnell entstanden.

Worüber man sich meines Erachtens zuerst klar werden muss, ist die Zweideutigkeit des Begriffes Freiheit. Wir empfinden das Wort als etwas uneingeschränkt Positives. Wer frei ist, kann über sein Leben bestimmen, hat Möglichkeiten, die man nutzen kann.

„Freiheit ist die Summe der Möglichkeiten, die man hat.“

Den Grund, dies genau so zu definieren, werde ich in einem späteren Artikel erklären.

Diese Freiheit bezieht sich auf einen selbst. Was bedeutet das aber für andere Menschen? Die Handlungen, die man setzt, können andere Menschen beeinflussen, ihnen nützen, schaden oder neutral sein. Man kann seine Freiheit sogar dazu nutzen anderen bewusst zu helfen, aber auch anderen absichtlich zu schaden. Ich kann mir z.B. die Freiheit nehmen andere zu bestehlen, zu ermorden oder zu vergewaltigen.

Freiheit ist gesellschaftlich betrachtet daher keineswegs etwas uneingeschränkt Erfreuliches. Nützlich ist Freiheit gesellschaftspolitisch nur dann, wenn nützliche oder neutrale Handlungen zugelassen oder gefördert werden, gleichzeitig schädliche Handlungen unterbunden werden.

Es gibt daher positive Freiheit und negative Freiheit je nachdem, wofür man sie verwendet. Und diese positive und negative Freiheit scheinen sich mathematisch unterschiedlich zu verhalten.

Als Modell für die Freiheit habe ich einen Menschen genommen, der ein Haus bauen will. Der Mensch ist mehr oder weniger frei und will diese Freiheit nutzen, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Für die Fertigstellung des Hauses sind zahlreiche Arbeitsstunden notwendig. Wie kann er diese Arbeitsstunden absolvieren. Ganz einfach, immer eine nach der anderen, er kann pro Stunde genau 1 Arbeitsstunde verrichten.

y = y(t)

y ist eine Funktion der Zeit, wobei

y = p*t

Y = yield oder Ertrag als Maß des Nutzens, t = time oder Zeit, p = Produktivität.

Er kann also die freie Zeit t dazu nutzen mit der Produktivität p einen Ertrag y zu erwirtschaften. Er könnte natürlich auch nicht oder weniger arbeiten und stattdessen Fußballspielen gehen. Das wäre ein freiwilliger Ertragsverzicht, da der Nutzen des Fußballspielens im Sinne von Lebensqualität für ihn größer ist als zusätzlicher Ertrag. Ich fasse das alles mit y zusammen.

Der Einfachheit halber läuft die Zeit in diesem Beispiel von 0 bis 1. 1 ist 100% der für den Hausbau notwendige Arbeitsstunden.

So, und jetzt mache ich folgendes. Ich betrachte t also die Zeit als Funktion der Freiheit die man hat, also:

t = t(F)

In Worten: t ist eine Funktion der Freiheit oder des Freiheitsgrades(F).

Wie soll man sich das vorstellen. Stellt euch vor ihr baut ein Auto. Dann braucht ihr eine gewisse Zeit, um das Auto so zu bauen, dass es funktioniert. Damit ist es aber nicht getan. Ihr müsst, wenn das Auto zugelassen werden soll alle möglichen Regeln und Bestimmungen einhalten wie z.B. Abgasnormen, Sicherheitsbestimmungen etc. Diese Gesetze, die einzuhalten sind, sind nichts anderes als Freiheitseinschränkungen. Ihr braucht also einen Teil der Zeit, um das Auto zum Funktionieren zu bringen t(F) und einen Teil um Bestimmungen einzuhalten t(U), wobei U für Unfreiheit steht.

Am einfachsten ist die Vorstellung eines Gefängnisinsassen der pro Tag eine gewisse Zeit Ausgang hat. Kann er 2 Stunden pro Tag raus kann er 2 Stunden am Haus arbeiten oder Fußball spielen (t(F) = 2 Stunden) Freiheitsgrad 2/24 oder 1/12.  Kann er 6 Stunden raus stehen ihm 6 Stunden für den Hausbau zur Verfügung, Freiheitsgrad 6/24 oder 1/4 bzw. 25%.

Je mehr Zeit t(F) ich zur Verfügung habe umso schneller wird das Haus fertig. Daher gehe ich davon aus, dass t und F linear miteinander verbunden sind (je größer der Freiheitsgrad F umso größer die Freiheitszeit t(F)), man kann also t durch F ersetzen.

y = p*F

Damit ist der Nutzen eine Funktion des Freiheitsgrades, p die Produktivität hätte in dieser Funktion einen anderen Wert als oben, wäre aber ebenso eine Konstante. Der Einfachheit halber wähle ich p = 1 oder graphisch:

Y = F

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So, wie definiert man jetzt Schaden oder negative Freiheit? Wenn jemand diesem Menschen schaden will, könnte er z.B. sein Haus niederbrennen. Feuer ist, wie ich schon in einem früheren Artikel ausgeführt habe ein lebensähnlicher Prozess und Leben vermehrt sich exponentiell.

s = a*exp(b*F)

s steht für Schaden, F ist wieder der Freiheitsgrad. a und b sind Konstanten, a ist die Effektivität des Schadens oder Schadenkonstante, die setze ich der Einfachheit halber 1 so wie oben beim Freiheitsnutzen also

s = exp(b*F)

für b = 1 ergibt das graphisch:

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Jetzt muss man Nutzen und Schaden zusammenführen. Kein Haus kann nicht niedergebrannt werden, der Schaden s muss also 0 sein wenn F = 0 ist. Da die Exponentialfunktion bei F = 0 immer 1 ist (jede Zahl hoch 0 ist 1 !!) muss man einfach 1 abziehen, also:

s = exp(b*F) – 1

Diese Funktion geht durch den Nullpunkt (0,0) genau wie die Nutzenfunktion. So, bei maximaler also völlig unkontrollierter Freiheit habe ich auch den maximalen Schaden (niemand kann verhindern, dass mein Haus niedergebrannt wird = z.B. Krieg oder Faustrecht), bei einem Haus kann auch nur 1 Haus niedergebrannt werden, d.h. die Funktion muss durch den Punkt (1,1) gehen.

1 = exp(b*1) -1 oder 1 = exp(b) -1

Umformen:

2 = exp(b)

ln2 = b

damit ergibt sich die Schadenfunktion:

s = exp(ln2*F) – 1

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Der Gesamtnutzen (FN) oder auch Freiheitsnutzen ergibt sich aus der Differenz von Nutzen und Schaden, also:

FN = y – s

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oder

FN = y – (exp(ln2*F) – 1)

umformen:

FN = y + 1 – exp(ln2*F)

Oder wegen (y = F):

FN = F + 1 – exp(ln2*F)

Das ist meine Freiheitsformel!

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Die Eigenschaften der Freiheitsformel passen zu meinen Beobachtungen. Keine oder wenig Freiheit (z.B. Gefängnis oder Diktatur) bedeutet geringen Freiheitsnutzen, wie im Kommunismus, der wirtschaftlich auf Grund mangelnder privater Initiative nie funktioniert hat. Zu viel Freiheit bzw. keine Regeln oder Gesetze (z.B. Krieg, Faustrecht) ist auch schlecht, da Schaden nicht verhindert werden kann. Ökonomisch entspricht das dem Wirtschaftliberalismus, in dem Unternehmen Profit auf Kosten anderer machen können und daher oft mehr Schaden anrichten als Nutzen produzieren. Das Optimum liegt genau dazwischen allerdings nicht ganz genau! Deutlicher wird dies wenn ich mich mit den Konstanten beschäftige:

Y = p*F

Die Konstante p ist eher unbedeutend. Steigt p kann man z.B. statt einem Haus in der gleichen Zeit 10 Häuser bauen. Die kann ich aber wieder als 100% betrachten, womit sich am Zusammenhang nichts ändert. Anders schaut die Sache bei der Konstante a der Schadenkonstante aus.

s = a*exp(b*F)

Wenn a nicht 1 ist ergeben sich folgende Umformungen:

Die Funktion muss durch (0,0) gehen, da exp(0) = 1, muss ich a abziehen:

s = a*exp(b*F)-a

(Genau genommen interessiert mich ja die Form der Exponentialfunktion, was einem Differential entspricht, das unbestimmte Integral ergibt dann eine Konstante, die a sein muss, da die Funktion durch den Nullpunkt geht.)

So, der 2.Punkt, durch den die Funktion gehen muss, ist (1,1), also:

1 = a*exp(b*1)-a = a*exp(b)-a

Umformen:

1 + a = a*exp(b)

(1+a)/a = exp(b)

ln[(1 + a)/a] = b

Somit

s = a*exp(ln[(1+a)/a]*F) – a

Das ist die Vollversion der Schadenfuntkion.

Was das bedeutet sieht man am besten, wenn man für a unterschiedliche Werte einsetzt, z.B.: (1 oder 0,5 oder 0,1 oder 0,01). Die Graphik zeigt es:

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Die obere blaue Linie ist der Nutzen. Die anderen 4 Linien sind Schadenfunktionen mit unterschiedlichem a. Man sieht, je kleiner die Schadenkonstante a umso flacher die Schadenfunktion. Oder anders, kleines a bedeutet, dass man Schaden wie z.B. Kriminalität, Umweltverschmutzung, Unfälle, Brandkatastrophen etc. durch gesellschaftliche Regeln oder Maßnahmen effektiv verhindern kann. Effektiv heißt dabei möglichst große Wirkung bei möglichst geringem Aufwand.

Für den Freiheitsnutzen (FN = y – s) wobei (y = F) bedeutet das:

FN =  F + a – a*exp(ln[(1+a)/a]*F)

Oder:

FN =  F + a*[1 – exp(ln[(1+a)/a]*F)]

Das ist die Vollversion der Freiheitsformel!

Graphisch für die gleichen a wie oben:

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Was bedeutet das? Erstens, je kleiner die Schadenkonstante a also je effektiver die Schadenverhinderung, umso größer der Freiheitsnutzen, logisch. Weiters fällt auf, dass das Maximum umso weiter rechts liegt je kleiner a, heisst, je besser die Schadenverhinderung umso größer der optimale Freiheitsgrad, oder anders, wenn der Staat effektiv ist, braucht es weniger Staat, eigentlich auch logisch.

Es gibt aber ein anderes Detail, das sehr interessant ist. Solche Formeln haben ja nur dann einen Sinn, wenn man entweder etwas Bekanntes grafisch oder mathematisch darstellen kann oder wenn man Voraussagen treffen kann, die auch eintreffen. In diesem Fall erklären die Freiheitsnutzenfunktionen ein Phänomen, auf das ich gar nicht hinaus wollte.

Betrachtet man sich die Maxima der Freiheitsnutzenfuntkionen, dann sieht man, dass sie alle zwischen 0,5 und 0,7 liegen. Man könnte Freiheit und Unfreiheit auch als privat und staatlich interpretieren. Wenn man jetzt annimmt, dass in einem demokratischen Staat durch Ausprobieren, Diskussion, Kritik und Wahlen sich das Verhältnis von staatlich zu privat auf ein Optimum einjustiert, dann würde das bedeuten, dass demokratische Staaten eine Staatsquote von knapp unter 50% (30 – 50%) anstreben.

Die Staatsquote der europäischen Staaten (EU) liegt bei 47,1%, die der Eurozone bei 45,8%. Von den 28 Mitgliedsstaaten der EU liegen 23 innerhalb 30% – 50%, 3 knapp drüber, nur Frankreich und Irland liegen etwas deutlicher drüber bzw. drunter. Passt auffallend!

Die Freiheitsformel ist so definiert, dass die Größen (F, FN, p, a) messbar bzw. bestimmbar sind. Man könnte die Schadenkonstante a also aus Messwerten berechnen. Es müsste möglich sein, jedem Kulturgegenstand (Auto, Haus, Flugzeug, etc.) einen Freiheitsgrad oder Freiheitsnutzen zuzuordnen. Man könnte a auch aus der Staatsquote der EU (In der Annahme, dass die EU optimal demokratisch justiert ist) berechnen.

Mit ist klar, dass die Formel eine starke Vereinfachung eines komplexen Prozesses ist. Trotzdem finde ich sie reizvoll und die Übereinstimmung mit den Staatsquoten könnte heißen, dass vielleicht ein Funken Wahrheit darin steckt. Je länger ich darüber nachdenke und das sind schon weit über 20 Jahre, umso besser gefällt sie mir.

Freundschaft

Peter

70. Das 1 x 1 der Gutmenschendummheit und Das Holocausthelfersyndrom

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„Der gute Mensch von Sezuan“, ein Theaterstück von Berthold Brecht, wurde am 4 Februar 1943 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.

 

Das 1 x 1 der Gutmenschendummheit

und

Das Holocausthelfersyndrom

 

Der Innbegriff der liebenswürdigen Naivität waren für mich immer die katholischen Nonnen in der Entwicklungshilfe. Da geht eine Nonne nach Afrika und hilft dort 10 kleinen Negerlein, die arm und hungrig sind. Sie füttert sie, pflegt sie, kleidet sie, unterrichtet sie und bringt ihnen christliche Werte bei. Gott, Moral, Nächstenliebe und natürlich liebet und mehret euch.

Aus den 10 kleinen Negerlein werden 10 große brave christliche Negerlein und die lieben und mehren sich und eines Tages hat man dann 100 kleine Negerlein, die arm und hungrig sind. Die liebe Nonne, deren Liebenswürdigkeit ich nicht in Zweifel ziehe, hat so mit all ihrem Engagement das Leid verzehnfacht.

Das Beispiel stammt aus meiner Studentenzeit, also aus meiner VSSTÖ- und KMI-Zeit (Verband sozialistischer Studenten Österreichs, Kritische Medizin Innsbruck damals überwiegend politisch grün), ist also über 30 Jahre alt, trotzdem ist es heute aktueller denn je. Das Wort Gutmensch habe ich damals noch nicht gekannt jedenfalls nicht bewusst.

Ich habe beim Verfassen dieses Artikels festgestellt, dass ich das Wort Gutmensch anders verwende als andere. Ein Gutmensch ist für mich einfach ein guter Mensch. Gutmenschen sind mir daher prinzipiell sympathisch jedenfalls wesentlich mehr als Bösmenschen also böse Menschen. Im Internet wie z.B. auf Wikipedia wird das Wort Gutmensch als oft herabwürdigend benutzte Bezeichnung für Menschen dargestellt, die political correctness in übertriebener Weise praktizieren oft ihrerseits zum Zweck der Verunglimpfung politischer Gegner.

Dies entspricht nicht meinem Sprachgebrauch. Ich verbinde Gutmensch mit Güte, Liebenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft etc., Bösmenschen sind demgegenüber egoistisch, rücksichtslos, gehässig usw. also unsympathisch,  jedenfalls mir.

Wozu also dieser Artikel, wäre doch alles geklärt? Das Problem beginnt in dem Moment, wo es darum geht ein konkretes Problem zu lösen. An einem konkreten Beispiel wird das am besten sichtbar. Stellt euch eine Bergregion vor mit heftigem Schneefall (kommt mir doch bekannt vor), hohe Lawinengefahr! Ein Tourengeher wird vermisst, in einem stark lawinengefährdeten Areal. Stellt euch vor 10 Helfer, 10 gute Menschen, brechen trotz großer Gefahr auf, um dem Tourengeher zu helfen. Sie werden von einer Lawine verschüttet und sterben. Am Tag darauf kommt der Tourengeher wohlbehalten zurück. Er hat sich im Schneetreiben verlaufen und in einer sicheren Höhle die Nacht verbracht.

Die Geschichte ist erfunden, könnte sich aber so abgespielt haben. Außerdem erinnert die Geschichte fatal an das Bergwerksunglück von Lassing, das sich tatsächlich so ähnlich abgespielt hat. Beim Versuch einen möglicherweise noch lebenden Kameraden zu retten sind 10 Helfer gestorben, der Vermisste wurde Tage später tatsächlich durch ein Bohrloch gerettet.

Es gibt Situationen, in denen gute Menschen durch gute Fehlentscheidungen Katastrophen anrichten können oder zumindest eine unangenehme Ausgangslage verschlechtern können. Eine Situation, die solche Fehlentscheidungen provoziert, bezeichne ich als Gutmenschenfalle. Wenn in so einer Situation gute Handlungen zum Desaster oder zur Katastrophe führen, ist das nach meiner Definition eine Gutmenschenkatastrophe.

Eine Form der Gutmenschenkatastrophe ist mir selbst schon des Öfteren begegnet. Ich bin Arzt. Es gibt immer wieder Menschen, die mit der Diagnose Krebs nicht umgehen können und aus Panik und Verzweiflung nicht mehr klar denken können. Viele Krebserkrankungen sind heilbar, die Behandlung ist aber immer unangenehm und oft lebensgefährlich. Wenn solche Leute dann gute Freunde haben, die ihnen gute Tipps geben („Die Therapien kommen doch alle von der (bösen) Pharmaindustrie. Wir müssen nur deine Abwehrkräfte stärken, dann kriegen wir das auch ohne Chemo in den Griff. Der Krebs ist sicher psychisch, wenn das besser wird verschwindet auch der Krebs. Die homöopathischen Medikamente sind da viel wirksamer und die haben keine Nebenwirkungen!“), passiert es immer wieder, dass Patienten an heilbaren Krebserkrankungen sterben. Oft kommen die Patienten dann wieder, wenn die guten Tipps der guten Menschen nicht geholfen haben und wenn der ursprünglich heilbare Krebs ein unheilbares Stadium erreicht hat. Ende der Vorstellung. Ich kenne einen Krankenpfleger, der führt eine Todesliste. Er merkt sich die Therapieverweigerer und schaut in der VN (Vorarlberger Nachrichten), wie lange es braucht, bis ihre Namen dort erscheinen, unter den Todesanzeigen. Dann streicht er die Namen von der Liste. In den meisten Fällen dauert es 1 bis 3 Jahre von der Ablehnung der Therapie bis zum Friedhof.

Das Problem ist nicht der Gutmensch sondern die Gutmenschendummheit.

Gutmenschendummheit definiere ich als die Unfähigkeit mancher (nicht aller!) guter Menschen die Auswirkungen ihrer Handlungen realistisch einzuschätzen. Solche Menschen neigen dazu, durch vermeintlich gute Handlungen Schaden anzurichten und unter Umständen das Gegenteil von dem zu bewirken, was ihre Handlungen eigentlich hätten bewirken sollen.

Es gibt übrigens auch die Bösmenschendummheit. Das ist der Fall, wenn böse Menschen zum eigenen Vorteil egoistisch handeln und das so geschickt, dass sie sich dabei selbst Schaden zufügen.

Der Klassiker eines Bösmenschendummkopfes heißt Adolf Hitler. Der Typ wollte durch Krieg ein 1000-jähriges deutsches Reich errichten und hat diesen Krieg unter anderem durch seine persönliche militärische Unfähigkeit derart gründlich verloren, dass Millionen Deutsche vertrieben wurden und Deutschland große Teile seines Staatsgebietes eingebüßt hat, abgesehen von dem Leid, dass er anderen zugefügt hat. Mich wundert immer wieder, dass sich Rechtsradikale den Hitler als Idol auswählen. Wenn ich rechtsradikal wäre, würde ich mir einen intelligenten Rechten zum Vorbild nehmen und nicht so einen GröVaZ (Größter Versager aller Zeiten). Das Beispiel zeigt auch warum ich Fanatismus für eine besonders gefährliche Form der politischen Dummheit halte. Fanatiker neigen zur Einseitigkeit, zu Extrempositionen und Übertreibungen und damit in besonderem Maße zu politischen Fehlentscheidungen, im Guten wie im Bösen.

Das kann so weit führen, dass Menschen mit sozialen also eigentlich positiven Grundeinstellungen von der Richtigkeit ihrer Ansichten so fanatisch überzeugt sind, dass sie auch vor Stasi-Methoden nicht zurückschrecken, um ihre guten politischen Ziele durchzusetzen. Ist mir selbst begegnet, übrigens in der SPÖ. Aggressiver Gutmensch, da gehen gut und böse ineinander über.

Die Mischung aus Naivität und Fanatismus ist in der Politik eine unheilvolle Allianz, im Guten wie im Bösen. Das heißt dann naive Gutmenschendummheit oder auch naive Bösmenschendummheit, je nachdem, wo es auftritt.

Eine ganz spezielle Situation findet sich derzeit in Deutschland zum Teil auch in Österreich. Das 3.Reich war nicht nur ein verbrecherisches Regime, die Verbrechen sind auch besser als jemals zuvor dokumentiert worden. Es waren aber nicht die Verbrechen der Deutschen, sondern der Nazis. Die haben bei Wahlen max. ca. 40% der Stimmen in Deutschland bekommen also niemals eine absolute Mehrheit, schon gar nicht für ihre Verbrechen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass bei einer Volksabstimmung die Mehrheit für die Endlösung also für den Holocaust gestimmt hätte. Da wären auch viele Nazi-Wähler ausgestiegen. Es waren also die Verbrechen eines bestimmten Teils der Bevölkerung insbesondere einer kleinen Führungsclique einer Partei.

Trotzdem hat sich in Deutschland und Österreich so eine Art kollektives Schuldbewusstsein etabliert, zumindest in politischen Kreisen. Dies hat besonders in Deutschland bewirkt, dass man versucht der ganzen Welt zu zeigen, dass man doch nicht so böse ist, wir sind doch die guten Deutschen, das Holocausthelfersyndrom. Die deutsche Politik neigt momentan in besonderem Maße dazu, liebenswürdige Fehler zu machen.

Die Krönung dieses Verhaltens war die Willkommenskultur. Da haben die Deutschen allen voran die Bundeskanzlerin Angela Merkel der ganzen Welt gezeigt, wie gut die Deutschen sind. Dass es mindestens mehrere hundert Millionen Menschen gibt, die gerne in Deutschland leben würden, mit allen unweigerlichen Folgen, hat man schlicht übersehen. Klassische Gutmenschenfalle! Man sollte eben nicht nur gut sein, man sollte sich halt auch überlegen, wie man es machen muss, damit es langfristig funktioniert, hat man definitiv nicht gemacht.

Dabei wundert mich die Unfähigkeit, die Konsequenzen des eigenen Handelns richtig einzuschätzen, gerade bei der Person Angela Merkel. Als Physikerin hätte sie doch gelernt, in mathematisch formulierten Zusammenhängen zu denken. Und die Daten und Fakten waren alle bekannt. Sie hätte nur 1 und 1 zusammenzählen müssen, oder vielleicht ist multiplizieren für eine Physikerin einfacher (1 x 1 = 1), da braucht man keinen 2er.

Heute 4 Jahre später ist die Willkommenskultur unanzweifelbar gescheitert, die Rechtspopulisten sind allerorten auf dem Vormarsch und die CDU/CSU betreibt Willkommenskultur-Vergangenheitsbewältigung, ohne Angela Merkel. Wenn man in 10 Jahren an sie zurückdenkt, dann wird man an Flüchtlingschaos, Grenzkontrollen, AFD und Brexit denken, alles Resultat einer einzigen Fehlentscheidung, kleine Gutmenschenkatastrophe. Dabei wäre sie ein Mensch mit großen Fähigkeiten gewesen und hat in ihrer Karriere durchaus eine Menge Positives geleistet. Und ihre Liebenswürdigkeit ziehe ich nicht in Zweifel. Da setzt einmal der Verstand aus und…….

Über das österreichische Gegenstück Werner Faymann redet man nicht einmal mehr, Vergangenheitsbewältigung durch Schweigen. Die linken Parteien tun sich mit der Aufarbeitung dieser Fehlentscheidung noch viel schwerer.

Es gibt einen SPÖ-Wahlspruch aus der Ära Kreisky also aus den 70er-Jahren, den ich über alles liebe, weil er meine politischen Ansichten mit 4 Worten auf den Punkt bringt:

„Mit Menschlichkeit und Vernunft“

Die Sozialdemokraten haben damals gewusst, dass soziale Demokratie ohne Menschlichkeit keine soziale Demokratie ist, aber auch, dass Menschlichkeit ohne Vernunft nicht funktioniert und daher einfach keinen Sinn macht. Diese Vernunft ist der SPÖ und genauso den Grünen seit damals gründlich abhanden gekommen. Und so lange das so ist, werden sie dort bleiben, wo sie sind, nicht in der Regierung.

Freundschaft

Peter

 

69. Gerechtigkeit

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„Die Gerechtigkeit“

 

Gerechtigkeit

 

Machen wir ein Gedankenexperiment!:

Stellt euch vor, ihr seid Familienvater oder -mutter, ihr habt 2 Kinder und ihr habt ein kleines Einkommen. Eines eurer Kinder ist plötzlich schwer krank und ihr braucht dringend einen Arzt.

Jetzt überlegt euch folgende Frage: Welcher Arzt ist in dieser Situation der schlechteste?

Überraschende Antwort: Der, der nicht da ist, weil er woanders besser gezahlt wird.

Es gibt neben anderen Definitionen und Betrachtungsweisen 2 grundlegende Gerechtigkeitsbegriffe: Soziale Gerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit.

Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass alle gleich viel haben sollten, Güter sollten also gerecht bzw. gleichförmig verteilt werden. Die Menschen können ja nichts dafür, dass sie unterschiedlich geboren werden bzw. die einen krank werden und die anderen gesund bleiben. Daher sind aus diesem Blickwinkel alle Unterschiede als sozial ungerecht zu betrachten.

Leistungsgerechtigkeit bedeutet, dass wer mehr leistet auch mehr bekommen soll. Ich persönlich teile diese Gerechtigkeit in 2 Varianten auf:

Quantitative Leistungsgerechtigkeit heißt für mich, dass wer länger arbeitet auch mehr bekommt. Wenn jemand 8 Stunden arbeitet kriegt er normalerweise doppelt so viel wie jemand, der 4 Stunden arbeitet.

Qualitative Leistungsgerechtigkeit bedeutet, dass mehr bekommt, wer eine höher qualifizierte Arbeit leistet, d.h. wer z.B. eine längere oder schwierigere Ausbildung hinter sich hat oder z.B. mehr Erfahrung hat und daher besser ist oder wer z.B. mehr Verantwortung übernimmt.

Das Problem der beiden Gerechtigkeitsbegriffe: Beide werden weitgehend als gerecht empfunden, aber sie widersprechen sich grundlegend. Soziale Gerechtigkeit bedeutet Gleichverteilung, Leistungsgerechtigkeit hingegen ungleiche Verteilung, also:

Soziale Gerechtigkeit ist leistungsungerecht.

Leistungsgerechtigkeit ist sozial ungerecht.

Das hat 2 wichtige Konsequenzen:

  • Eine gerechte Gesellschaft kann nur durch einen Kompromiss beider Gerechtigkeitsbegriffe erreicht werden.
  • Menschen unterschiedlicher sozialer Stellung oder politischer bzw. moralischer Grundeinstellung werden diesen Kompromiss mehr oder weniger kritisch betrachten. Es ist logisch, dass Leistungsträger oder leistungsorientierte Menschen die Leistungsgerechtigkeit im Vordergrund sehen, während sozial eingestellte Menschen bzw. sozial Schwächere die soziale Gerechtigkeit betonen. Die Motivation ist dabei einerseits moralisch andererseits interessenspolitisch manchmal beides.

Ich persönlich sehe beide Gerechtigkeitsbegriffe gleichwertig, daher bezeichne ich mich auch gerne als Leistungssozialist.

Doch damit sind wir nicht am Ende, die wirklichen Probleme beginnen jetzt erst. Können wir uns aussuchen, ob wir eine sozial gerechte oder leistungsgerechte Gesellschaft haben wollen? Nehmen wir eine absolut sozial gerechte Gesellschaft so wie sie sich Sozialisten vorstellen. Alles ist gleichverteilt, alle haben gleich viel.

Eine derartige Gesellschaft ist nicht nur leistungsungerecht sondern auch leistungsfeindlich. Da Leistung nicht mehr honoriert wird, gibt es keinen Leistungsanreiz mehr. Solche Gesellschaften verlieren weitgehend ihre wirtschaftliche Funktionsfähigkeit, was für alle Beteiligten negativ ist. Sozial Schwache sind in einer solchen Gesellschaft oft schlechter dran als in einer sozial ungerechteren Gesellschaft mit Leistungsanreizen.

Jetzt sind wir beim Gedankenexperiment vom Anfang des Artikels. Wenn der hochqualifizierte Arzt nach langer Ausbildung gleich viel verdient wie alle anderen und ihm in einem sozial ungerechten System mehr angeboten wird, dann wird er gehen. Das Ergebnis ist der fehlende Arzt. Für die sozial schwache Familie ist dieser Zustand der sozialen Gerechtigkeit der größtmögliche Schaden, weil das Kind keinen Arzt bekommt.

Passiert ist das z.B am Ende der DDR. Den ostdeutschen Krankenhäusern sind scharenweise Ärzte und anderes medizinisches Personal davongelaufen, weil die gewusst haben, dass sie sich im bösen Kapitalismus verbessern. Jeder der kann und der was kann geht.

Die Leistungsineffizienz ist ein grundsätzliches Problem aller absolut sozial gerechten Systeme. Die nicht funktionierende Wirtschaft führt zu Armut und Korruption.

Der Sozialismus verteilt nicht den Wohlstand, sondern die Armut.

Es gibt so ein ähnliches Zitat von Winston Churchhill.

Wenn also der Arzt besser verdient als die Familie und er deswegen bleibt, ist das für die Familie ein Segen, vorausgesetzt das Ganze ist so organisiert, dass sich die Familie den Arzt auch leisten kann.

Der Leistungsanreiz führt dazu, dass sich Menschen anstrengen und die daraus resultierenden Leistungen kommen anderen und zwar auch den sozial Schwachen zu Gute. Dies führt zu einer weiteren grundsätzlichen Überlegung.

Unterschiede in Einkommen und Besitz sind sinnvoll und sozial gerechtfertigt, wenn die Leistungen, die diese Menschen für andere vollbringen, größer sind als der Wohlstandsunterschied.

Solange dieses Prinzip gewährleistet ist, profitieren sozial Schwache von sozialer Ungerechtigkeit also von leistungsbedingten Wohlstandsunterschieden. Wohlstand ist daher nur dann moralisch verwerflich, wenn es zum Schaden anderer ist, oder wie schon Gottvater Kreisky meinte: „Einkommen und Vermögen sind keine Schande, höchstens die Art, wie sie zustande kommen.“

Niemand hat etwas von einer Gerechtigkeit, die nicht funktioniert und daher zum Schaden aller ist. (Dazu passt auch mein Artikel über die österreichische Zweiklassenmedizin: https://mittiweb.wordpress.com/2017/05/22/die-oesterreichische-zweiklassenmedizin-oder-wirtschaft-fuer-dummies/). Da Leistungsgerechtigkeit ein System effektiver macht, ist sie nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit sondern eine ökonomische Notwendigkeit.

Jetzt müsste man meinen, eine reine Leistungsgesellschaft sei sozial ideal, weit gefehlt, machen wir ein Gedankenexperiment:

Stellt euch vor, ihr seid Familienvater oder -mutter, ihr habt 2 Kinder und ihr habt ein kleines Einkommen. Eines eurer Kinder ist plötzlich schwer krank und ihr braucht dringend einen Arzt.

Jetzt überlegt euch folgende Frage: Wie viel oder wenig würdest Du einem Arzt zahlen, damit er dein Kind rettet?

Selbstverständliche Antwort: Alles, was möglich ist.

Das Beispiel zeigt mehrere grundlegende Probleme:

  • Während es für die quantitative Leistungsgerechtigkeit wie oben geschildert einen sehr einfachen Maßstab gibt (doppelte Arbeitszeit oder doppelte Leistung ergibt doppeltes Gehalt oder Einkommen), existiert für die qualitative Leistungsgerechtigkeit ein solcher Maßstab nicht. Würde man die Wichtigkeit einer Leistung zum alleinigen Maßstab machen, so würde dies sozial schwache Menschen in völlige Abhängigkeit bringen. Am besten beschreibt dies das Zitat eines mir bekannten Arztes: „Ein Schmerzpatient zahlt Dir jeden Preis, wenn Du ihn nur von den Schmerzen befreist.“ Reine Leistungsgerechtigkeit macht die einen reich und mächtig und die anderen arm und abhängig.
  • Aus diesem Grund gibt es in demokratischen Gesellschaften unterschiedliche Formen der Leistungsbeurteilung durch die praktikable Einkommensunterschiede bei unterschiedlichen Leistungen definiert werden. Ein Beispiel sind Gehaltsstufen in öffentlichen Krankenhäusern. Leider sind solche Systeme oft sehr bürokratisch und starr.
  • Ein reines Leistungssystem ist die freie Marktwirtschaft. Die Leistungsbeurteilung erfolgt hier über den Marktmechanismus also Angebot und Nachfrage. Die bürokratische Starrheit fehlt diesem System, es ist flexibel, innovativ und extrem leistungsfördernd. Sozial Schwache bleiben aber völlig auf der Strecke, wer nicht leistungsfähig ist, bekommt gar nichts, was bedeutet, dass die Existenzsicherung nicht mehr gewährleistet ist.
  • Die resultierenden sozialen Missstände führen zu schlechter Bildung, Krankheit, Kriminalität etc. Es ist bezeichnend, dass die USA, also der Staat mit der größten ökonomischen Freiheit, das schlechteste Gesundheitssystem aller Industriestaaten mit der niedrigsten Lebenserwartung haben.
  • Zudem hat die reine Marktwirtschaft die unangenehme Eigenschaft der Akkumulation (siehe dazu Art. 44, Der Kapitaleffekt: https://mittiweb.wordpress.com/2018/05/20/44-der-kapitaleffekt/), was bedeutet, dass gerade Wohlhabende einen großen Teil ihres Einkommens über Kapitalgewinne also leistungsfrei erhalten und Besitz und Eigentum immer ungleicher verteilt werden. Dies erfüllt den Anspruch der Leistungsgerechtigkeit weder moralisch noch hat es einen praktischen Nutzen.
  • Die geschilderten Probleme führen zu einer Gesellschaft, die trotz Leistungssystem nicht optimal funktioniert und von der auch Leistungsträger nicht mehr profitieren. Was nützt der Reichtum, wenn man sein Haus hinter Stacheldraht verschanzen muss und man beim Spazieren gehen jederzeit mit Überfällen rechnen muss. Mit Lebensqualität hat das nichts zu tun.

Reine Leistungssysteme sind weder leistungsgerecht noch funktionell, sie scheitern an ihrer sozialen Ineffektivität. Niemand hat etwas von einem (reinen) Leistungssystem, das nicht funktioniert und daher zum Schaden aller ist. Soziale Gerechtigkeit ist daher nicht nur eine Gerechtigkeitsfrage sondern eine politische Notwendigkeit.

Der Punkt auf den ich hinaus will ist folgender:

Gerechtigkeit ist in der sozialdemokratischen Realpolitik kein idealistischer sondern ein praktischer Begriff. Es geht nicht nur darum leistungs- oder sozial gerecht zu sein, sondern vor allem darum, dies so zu organisieren, dass es in der Realität möglichst gut funktioniert. Einseitige Betrachtungsweisen führen zumeist nicht zum Ziel.

Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht nur nicht, jeder Versuch sie herzustellen scheitert an der mangelnden Umsetzbarkeit. Das Ziel ist daher etwas, was ich als effektive Gerechtigkeit bezeichne, also einen Zustand der unter verschiedenen Gesichtspunkten als einigermaßen gerecht empfunden werden kann, und der so organisiert ist, dass das System ökonomisch funktioniert, was bedeutet, dass möglichst alle Menschen davon auch tatsächlich etwas haben nämlich möglichst hohe Lebensqualität. In vielen Fällen ist das der funktionierende Mittelweg.

Ein Beispiel, wie ich mir das vorstelle ist die Erbschaft.

Eltern wollen für ihre Kinder das Beste, normalerweise. Sie arbeiten, um ihren Kindern ein schönes Leben zu ermöglichen und wenn sie sterben wollen sie, dass ihr Eigentum auf ihre Kinder übergeht.

Da Eltern unterschiedlich leistungsfähig sind, profitieren davon nicht alle Kinder, sondern nur die Kinder reicher Eltern. Aus Sicht der Eltern ist das leistungsgerecht, warum sollte jemand vererben können, der sein Lebtag nichts geleistet hat. Aus Sicht der Kinder schaut das anders aus. Da die Kinder keinerlei Leistung erbracht haben, hat das nichts mit Leistungsgerechtigkeit zu tun. Es ist sozial ungerecht, mit welchem Recht kriegt das eine Kind etwas und das andere nichts.

Die Erbschaft ist der Moment, in dem die Leistungsgerechtigkeit der Eltern in die soziale Ungerechtigkeit der Kinder übergeht.

Das Erben bzw. die Leistungsgerechtigkeit der Eltern hat 2 weitere Schattenseiten. Dadurch, dass Erben Reichtum generationsübergreifend erhält, wird der ober erwähnte Kapitaleffekt verstärkt, die marktwirtschaftlich bedingte soziale Ungleichheit wird verstärkt. Es entsteht eine Art Geldadel, der reich ist und reich bleibt und zwar ohne arbeiten zu müssen. Aus Sicht der Kinder sind diese Unterschiede zudem leistungsungerecht, da keine Chancengleichheit besteht. Es gibt einen bezeichnenden Spruch, den ich inzwischen des Öfteren gehört habe: „Reich wird man nicht durch arbeiten sondern durch erben oder heiraten.“ Geschickte Frauen aber zum Teil auch Männer haben das zweite zum Geschäftsmodell gemacht.

Würde man das Erben verbieten, weil sozial ungerecht, hätte das zahlreiche negative Konsequenzen. Den Eltern würde der Leistungsanreiz genommen. Warum soll ich mich anstrengen, wenn meine Kinder nichts davon haben? Und eine ganze Gesellschaft würde damit beginnen dieses Verbot wo immer möglich zu umgehen. Das illegale Erben würde zum Standard (Das Phänomen habe ich bereits beschrieben, Art. 68, Die begrenzte Legalisierung: https://mittiweb.wordpress.com/2019/02/08/68-es-war-einmal-in-amerika-und-das-prinzip-der-begrenzten-legalisierung/).

Die Lösung ist ein Mittelweg. Erben ja, aber mit Erbschaftssteuer, sodass es einen entsprechenden Ausgleich gibt. Die Steuer sollte so niedrig sein, dass die Illegalität keinen Sinn macht aber so hoch, dass es einen spürbaren Umverteilungseffekt gibt. Und sie muss praktikabel sein, also bürokratisch möglichst einfach und ökonomisch sinnvoll. Vererbtes Betriebsvermögen könnte man z.B. als Aufschlag zum Spitzensteuersatz versteuern, damit Betriebe nicht durch das Erben finanziell ruiniert werden.

Abschließend noch ein Wort zum Begriff der Chancengleichheit. Der Begriff ist aus sozialdemokratischer Sicht sehr gefährlich. Es ist nämlich ein reiner Leistungsbegriff! Chancengleichheit herrscht z.B. beim 100m-Lauf, wenn alle zum gleichen Zeitpunkt von der gleichen Startlinie weglaufen. Wenn die ersten 3 von 10 Startern das Preisgeld bekommen, führt dies automatisch zu sozialer Ungleichheit (7 bekommen nichts). Das Herstellen von Chancengleichheit führt daher zu Leistungsgerechtigkeit aber nicht zu sozialer Gerechtigkeit. Diese Überlegungen habe ich auch in dem am meisten gelesenen meiner Artikel über Frauenpolitik verwendet, Art.25: https://mittiweb.wordpress.com/2017/11/28/warum-frauen-weniger-wert-sind-als-maenner-und-warum-ich-gegen-gleiche-loehne-fuer-maenner-und-frauen-bin/)

Der langen Rede kurzer Sinn:

Eine sozialdemokratische Gesellschaft sollte nicht gerecht sein, sondern sie sollte möglichst gerecht funktionieren und das ist nicht das gleiche!!

Freundschaft

Peter

68. Es war einmal in Amerika und Das Prinzip der begrenzten Legalisierung

Amerika

Das Cover der Schallplatte mit der Musik von Ennio Morricone zum gleichnamigen Film von Sergio Leone. Genial!

Es war einmal in Amerika

und

Das Prinzip der begrenzten Legalisierung

Es war einer der prägenden Filme meines Lebens. In gewaltigen Bildern und verziert mit der Musik von Ennio Morricone erzählte der Regisseur Sergio Leone die Geschichte einer Jugendgang im New York Anfang des 20 Jhr. vom Beginn bis zu ihrem traurigen Ende. Eine Geschichte voller Freundschaft, Liebe, Kriminalität und schlussendlich Hinterlist und Verrat.

Die für mich politisch prägende Szene des Films war die „Beerdigung“. Die inzwischen erwachsene Gang war zu einer kriminellen Bande geworden, die im Alkoholgeschäft schmutzige Aufgaben erledigte. Das Geschäftsmodell hatte ein jähes Ende, das Ende der Prohibition, der Zeit des Alkoholverbotes in den USA. Zur Aufhebung der Prohibition wurde ein Abschiedsfest gefeiert auf dem die Prohibition mit einem Sarg symbolisch zu Grabe getragen wurde.

Ich habe in diesem Film eines gelernt. Die einzigen, die von der Prohibition profitiert haben, war die Mafia sonst niemand. Gesoffen wurde in der Zeit des Verbotes genauso wie vorher nur ohne jegliche funktionierende Kontrolle. Große Teile der Unterhaltungsindustrie wanderten in den Untergrund. Jeder (auch jedes Kind) konnte 24h am Tag Alkohol kaufen und der ganze Umsatz wanderte in die Taschen der organisierten Kriminalität, die zu dieser Zeit eine ihrer Hochblüten erlebte, glorreiche Namen wie Al Capone zeugen davon.

Das war schlussendlich auch der Grund für die Aufhebung der Prohibition. Die Politiker haben erkannt, dass wenn schon gesoffen wird, dass es besser ist, man zahlt mit den Steuern Kindergärten als Mafiosi.

Etwa 60 Jahre später bin ich in Boulder Colorado mit einem Freund in einen Liquorshop gegangen. Wir organisierten ein Fest, wobei er die Lebensmittel, ich die Getränke finanzierte, so der Deal. Ich hatte aber vergessen meinen Ausweis mitzunehmen, worauf mein Freund die alkoholischen Getränke aus dem Regal nehmen, bezahlen und aus dem Geschäft tragen musste. Ich habe ihm die Türe aufgehalten und dem Verkäufer gesagt: „I like your laws“. Zur Zeit der Prohibition wäre das einfacher gegangen. Das Beispiel zeigt, wie man durch die kontrollierbare Legalisierung einer Sache den Zugang erschweren kann, während ein nicht funktionierendes Verbot praktisch einer völligen Freigabe gleichkommt.

Natürlich klappt das auch in den USA nicht 100%ig, ich bin beispielsweise in Denver Colorado mit 15 von einer Truppe Jugendlicher in die Berge mitgenommen worden. Die sind mit ein paar Pick-ups in einen Wald gefahren, dort hat man sich zwischen die Bäume gesetzt, einziger Tagesordnungspunkt, Bier saufen, das einer besorgt und auf der Ladefläche eines Wagen mitgenommen hatte. Die Amerikaner sind doch sehr naturverbunden, besonders die Jugendlichen!

Die Beispiele sind typisch für die Situation der Drogenpolitik oder auch der Prostitution in Österreich, insbesondere in Vorarlberg. Ein Joint war für mich in meiner Studentenzeit ungefähr so normal wie eine Tafel Milka Vollnuss und das obwohl ich selber kein Haschisch geraucht habe. Ich habe es zwar probiert, habe aber sehr schnell erkannt, dass ich überempfindlich bin und wie bei anderen Medikamenten oder auch zu viel Kaffee ein bestimmtes Nebenwirkungssyndrom bekomme. In einem Selbstversuch in kontrollierender Anwesenheit einiger Freunde (Studenten der naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Innsbruck) ist das Syndrom selbst bei geringer Dosierung (1 Zug) sofort für alle erkennbar aufgetreten, wonach ich von diesen Freunden Haschischverbot bekommen habe: „Du kriegst nix mehr!“. Ich bin so empfindlich, dass ich die Wirkung sogar spüre, wenn ich mitrauche, was ich dann oft ungeplant gemacht habe, weil ich beim Mitrauchen nur die positive Wirkung spüre.

Haschisch war allgegenwärtig, es war und ist quasi-legal, weil sich praktisch niemand an das Verbot hält. Auch der private Anbau ist weit verbreitet, da sehr einfach. Ich kenne Leute, die in einem Haus ein Dachzimmer in eine Haschischplantage verwandelt haben, die Hanfpflanzen wachsen dort 3 Meter hoch bis an die Decke. Und im Herbst gibt’s Erntedankfest, Erntedankfest ist superlustig!!

Das Haschischverbot ist ein völliges Desaster. Kein Schwanz hält sich daran. Die Polizei hat keinerlei Handhabe, da ein großer Teil der Bevölkerung sowieso für die Legalisierung ist. Das medizinisch eigentlich sinnvolle Verbot hat eher negative gesundheitspolitische Auswirkungen, da ein illegaler Joint auf Grund des fehlenden Konsumentenschutzes eher gefährlicher ist als ein legaler. Und den Jugendschutz gibt es praktisch nicht. In Vlbg kann sich jedes 14-jährige Mädchen, wenn es will, so oft und so viel Haschisch kaufen wie es will, es braucht nur eines, Geld! Genauso wie es beim Alkohol früher in Amerika war.

Und dieses Geld landet nicht beim Finanzlandesrat, sondern in der Kriminalität, die dadurch auch noch subventioniert wird. Als Draufgabe wird ein großer Teil der Bevölkerung, meines Wissens zwischen 30% und 50% durch das Gesetz auch noch kriminalisiert. Das nenne ich eine erfolgreiche Drogenpolitik, bravo!

Eine ähnliche Situation gibt es in Vlbg bei der Prostitution. Obwohl sie verboten ist, gibt es in Vlbg ca. 400 Prostituierte. Beide Bereiche laufen unter der Oberfläche ab, die einen wollen es nicht sehen, die anderen passen auf, dass man es nicht sieht, jedenfalls nicht, wenn man ein bisschen wegschaut. Nach außen den schönen Garten und das gebügelte Hemd zeigen und den Mist unter den Teppich kehren und nicht darüber reden, typisch Vlbg.

Die Beobachtungen haben bei mir zu einem einfachen realpolitischen Grundprinzip geführt:

Es macht keinen Sinn, etwas zu verbieten, womit man (viel) Geld verdienen kann, wenn man es nicht verhindern kann.

Man macht die Sache dadurch nur noch schlimmer. Das nicht funktionierende Verbot bedeutet praktisch eine völlige Freigabe mit fehlender Kontrolle und fehlendem Jugendschutz sowie Subventionierung der Kriminalität.

Was ist zu tun?

Zuerst eine kleine Zusammenfassung der Ausgangslage:

Haschisch ist gesundheitsschädlich. Es ist zwar kein schweres Suchtgift wie z.B. Alkohol oder Heroin, d,h, es verursacht keine körperliche Abhängigkeit. Aber es wird geraucht, verursacht Rauschzustände und kann Psychosen auslösen. Ein Verbot wäre daher gesundheitspolitisch erstrebenswert.

Auf Grund der niedrigen akuten Giftigkeit (keine akuten Todesfälle) und der fehlenden körperlichen Abhängigkeit ist Haschisch relativ leicht und sicher zu konsumieren und wird daher von vielen als relativ normales Konsummittel gebraucht.

Haschisch ist sehr leicht herzustellen, kann jeder, der eine Topfpflanze pflegen kann.

Haschisch ist sehr weit verbreitet, etwa 30 – 50% der Bevölkerung.

Ein etwa ebenso großer Teil der Bevölkerung lehnt Haschisch ab und möchte damit nichts zu tun haben, gilt eigenartigerweise sogar für Leute, die Alkohol und damit ein wesentlich gefährlicheres und schwereres Suchtmittel konsumieren.

Das Verbot von Haschisch funktioniert nicht. Der einzige Bereich, wo das Verbot einigermaßen klappt, ist der öffentliche Bereich, der leichter zu kontrollieren ist.

Ähnliches könnte man auch z.B. über das Thema Prostitution zusammenfassen.

Was ich nicht will, ist eine völlige Freigabe, auf zugekiffte Jugendliche in den Bregenzer Seeanlagen oder Straßenstrich an der Betonstraße mit Bandenkriegen kann ich verzichten. Das ist vielleicht die einzig positive Wirkung des jetzigen Verbotes, dass durch die Illegalität das Ganze im Verborgenen abläuft und man damit nicht behelligt wird, wenn man nicht will.

Die Situation hat bei mir zur Idee der begrenzten Legalisierung geführt. Begrenzte Legalisierung bedeutet Verbot in den Bereichen, in denen das Verbot durchsetzbar ist, also insbesondere im öffentlichen Raum (Behörden, Schulen, Arbeitsplatz, Straßenverkehr etc.). Gleichzeitig Legalisierung unter größtmöglicher staatlicher Kontrolle in den schwer kontrollierbaren Bereichen also insbesondere im Privatbereich. Anbau und Vertrieb sollten im eigenen Land erfolgen, somit entzieht man der Kriminalität die finanziellen Mittel. Der Preis sollte über Steuern hoch gehalten werden, um den Konsum möglichst stark zu begrenzen.

Ein großer Vorteil wäre der zumindest einigermaßen funktionierende Jugendschutz. Der Schmäh daran ist folgender: Die illegalen Händler verlieren ihr Geschäft, es gibt sie nicht mehr. Die legalen Händler halten sich an die Gesetze, da sie sonst ihre Konzession verlieren. Dadurch führt die Legalisierung zu besserem Jugendschutz

Im Prinzip wäre es nichts anderes als eine Legalisierung des Istzustandes aber in kontrollierter Form und nicht wie jetzt unter völligem Kontrollverlust. Die Steuereinnahmen könnte man zum Teil in die Behörden (Polizei) stecken, um die Einhaltung der Bestimmungen zu garantieren. Die jetzigen Bestimmungen für Alkohol und Zigaretten kommen der begrenzten Legalisierung relativ nahe, wobei ich mir hier Verschärfungen wo möglich (z.B. Rauchverbot in Lokalen, höhere Steuern auf Alkohol) wünschen würde, um den Konsum weiter einzuschränken.

Die beschränkte Legalisierung ist ein Konzept, das man in vielen Bereichen anwenden könnte, in denen man etwas nicht will, es aber nicht verhindern kann. Die Sache beschränken, so weit es geht und dort kontrolliert ablaufen lassen, wo das Verbot nicht funktioniert, um Jugendschutz und Konsumentenschutz zu gewährleisten und der Kriminalität die Finanzen zu entziehen.

Man könnte das Prinzip auch bei Kokain und Amphetaminen anwenden, das sind derzeit meines Wissens 2 Haupteinnahmequellen der italienischen und russischen Mafia, die sich auch hierzulande immer weiter ausbreitet.

Und es wäre ein Stück politische Ehrlichkeit, jedenfalls ehrlicher, als einfach alles unter den Teppich des Schweigens zu kehren.

Freundschaft

Peter

Simbabwe, 2018

67. Wie ein Baum, den man fällt und Die Ohnmacht der Schwachen

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Wie ein Baum, den man fällt

und

Die Ohnmacht der Schwachen

Ich habe etwa mit 15 mitbekommen, wie man in Vlbg stirbt. Ich war ziemlich schockiert. So will ich nicht sterben! Das hat unmittelbar zu einer ganz bestimmten Vorstellung von meinem eigenen Tod geführt. Ein Sonnenuntergang am Pfänderhang mit Blick auf den Bodensee, eine Flasche Whiskey und eine Kanone. Das seltsame daran ist, dass ich eigentlich gar keinen Whiskey mag.

Diese Vorstellung von meinem Tod habe ich bis heute. Mein späteres Medizinstudium hat diese Vorstellung sogar noch bestätigt. Ich bin kein Palliativmediziner oder Geriater (Ärzte für unheilbar kranke oder alte Menschen). Trotzdem habe ich zu viele Menschen leiden sehen, als das ich das für mich oder die Meinen akzeptieren könnte.

Das Schlimmste an der Sache ist die völlige Entmündigung. Du bist alt oder krank und schwach und hast kein Verfügungsrecht mehr über dich selber. So lange man bei Kräften ist, kann man sich jederzeit umbringen, man könnte wenn man wollte. Sobald du aber hilflos bist, bist Du ausgeliefert. Meine schlimmste Horrorvorstellung ist eine liebenswürdige katholische Krankenschwester, von der ich mit Inbrunst und Hingabe zu Tode gepflegt werde, mit der Konsequenz, als christlicher Märtyrer des Leidens bei lebendigem Leibe verfaulen zu dürfen.

Ich empfinde es als eine geradezu widerwärtige Respektlosigkeit alten und sterbenden Menschen gegenüber, ihnen einen bestimmten Tod aufzuzwingen. Sterben muss immer der, der stirbt und nicht die anderen. Es ist daher für mich eine Selbstverständlichkeit, den Willen das alten oder kranken Menschen zu respektieren. Und für einen Arzt sollte es Ehre und Pflicht sein, denen, die sich nicht mehr selbst helfen können, den letzten Menschendienst zu erweisen.

Es ist typisch, dass Moral immer von denen ausgebadet werden muss, die sich dagegen nicht wehren können. Das sind oft Kinder, Frauen, Minderheiten und die Alten und Kranken. Die Verweigerung der Sterbehilfe ist für mich daher nichts anderes als die Ohnmacht der Schwachen, die von den Starken dazu missbraucht wird, denen, die wehrlos sind, ihre Moral aufzuzwingen. Ich finde das zutiefst verabscheuenswürdig.

Es gibt ein Lied von Reinhard Mey (Deutscher Liedermacher) mit dem Titel: „Wie ein Baum, den man fällt“ ,darin die Zeile: „Ich möcht im Stehen sterben“. Das ist mein Motto für mein Lebensende. Ich will sterben solange ich noch stehen kann und zwar durch eigene Hand.

Das Problem dabei ist, dass man es nicht in der Hand hat, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Macht man es zu früh nimmt man sich Lebenszeit. Verpasst man den Zeitpunkt, läuft man Gefahr, in die Klauen der Sterbemoralapostel zu geraten. Und da es sehr schnell und unverhofft passieren kann, das Wort Schlaganfall bezeichnet es treffend, weiß man oft erst hinterher, welches der richtige Zeitpunkt gewesen wäre. Man ist in so einem Fall auf die Hilfe anderer angewiesen.

Ich bin daher ein uneingeschränkter Befürworter der aktiven und passiven Sterbehilfe.

Ich möchte, dass jeder Mensch in diesem Land das Recht hat, so zu sterben, wie er sterben will.

Ich habe eine Patientenverfügung. Darin steht, dass es meinen Angehörigen uneingeschränkt gestattet werden muss, mich in ein Land zu überführen, in dem Sterbehilfe erlaubt ist und dass ich mir jede Behinderung dieser Vorgangsweise verbitte. Und sollte es irgendjemand trotzdem tun, dann wünsche ich ihm von ganzem Herzen, es möge ihn der Blitz beim scheißen treffen.

Freundschaft

Peter

Simbabwe, 2018

Wie ein Baum, den man fällt (Reinhard Mey)

Wenn‘s wirklich gar nicht anders geht,
Wenn mein Schrein schon beim Schreiner steht,
Wenn der so hastig daran sägt, als käm‘s auf eine Stunde an,
Wenn jeder Vorwand, jede List,
Ihm zu entgeh‘n, vergebens ist,
Wenn ich, wie ich‘s auch dreh‘ und bieg‘, den eig‘nen Tod nicht schwänzen kann,
Sich meine Blätter herbstlich färben,
Wenn‘s also wirklich angeh‘n muß,
Hätt‘ ich noch einen Wunsch zum Schluß:
Ich möcht‘ im Stehen sterben.

Wie ein Baum, den man fällt,
Eine Ähre im Feld,
Möcht‘ ich im Stehen sterben.

Wenn ich dies Haus verlassen soll,
Fürcht‘ ich, geht das nicht würdevoll,
Ich habe viel zu gern gelebt,
Um demutsvoll bereitzusteh‘n.
Die Gnade, die ich mir erbitt‘,
Ich würd‘ gern jenen letzten Schritt,
Wenn ich ihn nun mal gehen muß,
Auf meinen eig‘nen Füßen geh‘n,
Eh‘ Gut und Böse um mich werben,
Eh‘ noch der große Streit ausbricht,
Ob Fegefeuer oder nicht,
Möcht‘ ich im Stehen sterben.

Wie ein Baum, den man fällt,
Eine Ähre im Feld,
Möcht‘ ich im Stehen sterben.

Ohne zu ahnen, welche Frist
Mir heute noch gegeben ist,
Ohne das Flüstern wohlvertrauter Stimmen vor der Zimmertür,
Ohne zu ahnen, was man raunt,
Zum Schluß nur unendlich erstaunt,
Wenn ich Freund Hein wie einen eis‘gen Luftzug um mich wehen spür‘.
Zum letzten Abgang, jenem herben,
Der mir so unsagbar schwerfällt,
Hätt‘ ich den leichtesten gewählt:
Ich möcht‘ im Stehen sterben.

Wie ein Baum, den man fällt,
Eine Ähre im Feld,
Möcht‘ ich im Stehen sterben.

http://www.youtube.com/watch?v=ETAacNqtE00