Uns sind alle scheißegal oder Die Krise des Pazifismus

Augustinus

Uns sind alle scheißegal

oder

Die Krise des Pazifismus

Der Artikel beginnt vor etwa 25 Jahren im Hutterheim in Innsbruck. Das war ein Baracken-ähnlicher Bau mit einer kleinen Veranstaltungshalle in der Höttinger Au. Heute steht dort das Jugendzentrum am Inn, der alte Bau ist längst abgerissen. In diesem Hutterheim hat der VSSTÖ Innsbruck damals ein Wahlkampffest veranstaltet. Das Fest war ein voller Erfolg, bis auf einen kleinen Zwischenfall. 2 leicht angetrunkene Gäste haben einen Streit angefangen und haben sich immer lauter und aggressiver gegenseitig angepöbelt und bedroht. Die Situation entwickelte sich eindeutig Richtung Schlägerei. Wir mussten etwas tun.

Ich bin zum VSSTÖ ohne zu wissen, was das ist. Die Leute haben mir gefallen und im Prinzip waren auch die Ansichten o.k., auch wenn zum Teil übertrieben und verideologisert. So bin ich geblieben. Bei meiner ersten Jahreshauptversammlung hat man dann zu meiner Überraschung am Ende die Internationale gesungen. Ich, das Bürgersöhnchen mit erhobener Faust: „Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“. Ich bin mir ziemlich komisch vorgekommen.

Genau die Leute, die ums Menschenrecht kämpfen wollten, haben sich jetzt an das Ende des Ganges vor die Klotüre verkrochen, und die Dinge mit denen sie kämpften waren ihre Fassung und die Tastatur des Handys, um so schnell als möglich die (böse) Polizei zu rufen. Währenddessen waren ich und ein zweiter (interessanterweise der Rechte und der Linke in der Truppe) damit beschäftigt, die Streithähne auseinander zu halten. War ziemlich haarig, ich weiß nicht mehr ob da schon eine abgebrochene Bierflasche im Spiel war, aber es war jedenfalls riskant. Beim Eintreffen der Polizei war die Situation schon wieder relativ ruhig und hat sich dann schnell endgültig entspannt.

Ich habe damals verstanden, dass es eine Sache ist, von Frieden und Menschenrechten zu reden, aber etwas anderes Frieden herzustellen und zu bewahren.

Bei den Grünen war es genau dasselbe. Ich war auch bei der Kritischen Medizin Innsbruck KMI überwiegend Grüne (ich bin beides, rot und grün), selbe Situation, selbes Problem. Wir haben zur Zeitungsfinanzierung ein Fest in der neuen Mensa veranstaltet („Triebfest“, vielleicht erinnert sich noch jemand), war lässig, die neue Mensa knallvoll, wahrscheinlich über 1000 Gäste. Davor Sicherheitsdiskussion, keiner will Sicherheitsdienst machen. Also hat man sich eine Sicherheitstruppe engagiert. Die Typen sind mir vorgekommen, wie eine kleine GESTAPO-Truppe. Im Nachhinein war es das Beste. Wir hätten für den Sicherheitsdienst mehr Leute gebraucht. Trotzdem war es seltsam. Die Männer bei der KMI waren im Schnitt 1,80 m groß und breitschultrig, das hätten wir selber machen können. Die Leute wollten einfach nicht, weil sie sich die Hände nicht schmutzig machen wollten und kein Risiko.

So hat meine damals pazifistische Einstellung den ersten Knackser abbekommen. Gleichzeitig ist das Ansehen der Polizei bei mir drastisch gestiegen. Die kümmern sich um genau die Dinge bei denen andere kneifen oder vor dem Klo telefonieren.

Der nächste Knackser waren die Jugoslawienkriege. Da haben sich die Menschen quasi vor unserer eigenen Haustüre gegenseitig massakriert. Über 100000 Tote, zahllose Vergewaltigungen, Folter, Massenmord und über 1 Mill. Vertriebene. Europa hätte diesen Krieg jederzeit beenden können. Stattdessen hat man gewartet und zugeschaut. Am besten war die SPÖ, damals in der Regierung. Man war entrüstet und erschüttert, das kommt immer gut. Und um das Problem in den Griff zu bekommen oder um sein Gewissen zu beruhigen, hat man Decken und Medikamente nach Jugoslawien geschickt. Ansonsten hat man auf die Neutralität verwiesen, da sind einem ja die Hände gebunden. Stellt euch einmal vor ihr seid gefangen und werdet gerade von einer Truppe Soldaten vergewaltigt. Was würdet ihr von einer Partei halten, die Decken und Medikamente schickt? Es gibt ein wunderschönes deutsches Wort für so etwas, Heuchelei!

Ich habe mir damals gedacht, man müsste für die SPÖ und die Grünen die Internationale umschreiben. Statt:

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht.

müsste es heißen:

Uns sind alle scheißegal,

denn wir sind feige und neutral.

Das einzige wofür die Herren und Damen Funktionäre kämpfen, ist der beste Platz am Buffet, hatte ich jedenfalls den Eindruck.

Neutralität ist eigentlich nichts Schlechtes. Beim Fußballspielen identifiziere ich mich oft nicht mit einer Mannschaft sondern mit dem Schiedsrichter. Der ist auch neutral oder unparteiisch. Aber dem Schiedsrichter ist nicht egal, was auf dem Spielfeld passiert. Es gibt Regeln, die auf Fairness basieren und der Schiedsrichter weiß zwischen fair und unfair zu unterscheiden, und er schreitet ein und zieht Konsequenzen, wenn unfair gespielt wird. Diese Form der Neutralität nenne ich daher Schiedsrichterneutralität, die ist mir absolut sympathisch. Die österreichische Neutralität ist das Gegenteil davon insbesondere bei der SPÖ und den Grünen. Es ist ein Alibi, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Das nenne ich Drückebergerneutralität.

Das Problem ist daher nicht die Neutralität, sondern wie sie gelebt oder interpretiert wird.

Was ich am allerwenigsten verstehe, ist, dass gerade die Österreicher sich so verhalten. Österreich hat seine Demokratie nicht selbst erkämpft, sondern ist befreit worden und zwar von den Amerikanern, den Briten und den Franzosen. Diesen 3 Ländern haben wir es zu verdanken, dass die Nazi-Diktatur beendet wurde und wir nicht in einer kommunistischen Diktatur gelandet sind, so wie unsere Nachbarländer. Viele Soldaten haben für unsere Freiheit mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit bezahlt. Wir danken es ihnen, indem wir in ähnlichen Situationen die Menschen im Stich lassen und uns hinter der Neutralität verstecken. Ich finde das einfach nur schäbig! So lernt Österreich aus der Geschichte!

Die Geschichte in Jugoslawien hat sich mehrere Male wiederholt. In Ruanda, Syrien, Libyen, Somalia etc. hat man zugeschaut, wie Bürgerkriege das Land überziehen und hat nichts dagegen getan. Der Pazifismus hat in all diesen Fällen immer wieder das gleiche negative Ergebnis gebracht. Da man den demokratischen Kräften die militärische Unterstützung verweigert hat (Waffen liefern in Kriegsgebiete, das geht garnicht, besser man liefert sie an Diktaturen!), haben die Radikalen die Oberhand gewonnen und diese Länder in Schutt und Asche gelegt bzw. grausame Diktaturen errichtet. Der islamische Staat ist das Paradebeispiel für das Scheitern dieser pazifistischen Vorgangsweise. Es müssen immer erst ein paar hunderttausend Menschen sterben und Flüchtlingskatastrophen passieren, damit man etwas unternimmt. Und vor allem ist das zu lösende Problem dann um ein vielfaches größer und schwieriger.  Wenn durch Mord, Folter, Vergewaltigung und Vertreibung die Menschen radikalisiert sind und sich in abgrundtiefem Hass gegenüberstehen, ist eine friedliche Lösung oft für Jahrzehnte unmöglich.

Es gibt einen Spruch aus der Friedensbewegung, der das Problem treffend schildert:

Stellt euch vor, es ist Krieg,

und niemand geht hin.

Dann würde die Welt von denen regiert,

die sich nicht an diesen Spruch halten,

weil ihnen Krieg Spaß macht.

Und genau von denen will ich nicht regiert werden!

Man muss für die Zukunft die Taktik ändern. Anstatt zu warten bis alles in Schutt und Asche liegt, sollt man frühzeitig eingreifen, um genau das zu verhindern. Natürlich geht man bei so einer Vorgehensweise ein Risiko ein. Wir sind beim Fest im Hutterheim auch ein Risiko eingegangen, wir hätten zwischen die Fronten geraten und verletzt werden können. Damals ist bei einer ähnlichen Situation ein Student mit einer abgebrochenen Bierflasche verletzt worden und gestorben. Die Polizisten machen das jeden Tag. Friedenspolitik hat eben nichts mit Kaffeekränzchen und netten Diskussionen zu tun, die Realität ist anders. Man muss sich also genau überlegen, was man tut, Hurra ist die falsche Einstellung.

Ich bin kein Kriegstreiber, hoffe ich jedenfalls nicht. Ich liebe den Frieden und ich hasse den Krieg. Zu meinen größten politischen Vorbildern gehören Leute wie Mahatma Ghandi, Nelson Mandela und Martin Luther King also die Ikonen des zivilen friedlichen Widerstandes. Aber es haben alle 3 eine glückliche Gemeinsamkeit gehabt, einen politischen Gegner, der ein Mindestmaß an zivilisierten Grundwerten besessen hat. Solange das gegeben ist, ist diese Art von Widerstand am besten. Die friedliche Lösung ist immer die beste Lösung, wenn es denn eine gibt. Das Problem beginnt in dem Moment, wo man Gegner hat, die skrupellose Psychopathen sind oder die von blindem Hass geleitet werden. Solche Leute schrecken vor keiner Art von Gewalt zurück um ihre Ziele zu erreichen. Bei solchen Leuten führt Wehrlosigkeit zu Gewalt. Mit solchen Leuten kann man nur dann vernünftig reden, wenn man selbst Gewalt anwenden kann. Wenn sie wissen, dass sie im Krieg draufzahlen, werden sie es sich überlegen. Ich glaube daher weder an die wehrlose Demokratie noch an den hilflosen Frieden. Plötzlich sind wir bei dem amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt, der vor 108 Jahren seinen Nachfolgern einen Rat gab:

Sprich mit sanfter Stimme, und trage einen dicken Knüppel bei dir!

Das Ganze ist auch ein grundsätzliches demokratisches Problem. Es hat immer schon Versuche gegeben, demokratische bzw. gerechte Gesellschaften zu errichten. Bis ins 18.Jhr sind alle Versuche gescheitert. Demokratische Gesellschaften sind immer wieder an dem Problem gescheitert, ihre Freiheit im Krieg gegen Diktaturen zu verteidigen. Der erste Staat, der das zu Stande gebracht hat, waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Die haben sich ihre Freiheit im Krieg erkämpft und waren daher von vornherein militaristisch also wehrhaft. Dazu kommen die enorme Größe und Wirtschaftskraft der USA. Dadurch sind die USA trotz aller negativer Dinge, die man über sie zu Recht sagen kann, zum demokratischen Motor geworden. Stellt euch einfach vor, der Hitler hätte den Krieg gewonnen z.B. weil er die Atombombe vor den Amerikanern gehabt hätte. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie die Welt heute ausschauen würde. Es wäre ein unvorstellbares Gemetzel geworden. Die Fähigkeit Krieg zu führen und zu gewinnen ist daher der Schlüssel zur demokratischen Gesellschaft. Ich weiß, dass das viele nicht hören wollen, mir ist es selber unsympathisch, aber ich bin nun einmal Realist.

Mir ist vollkommen klar, dass Österreich ein sehr kleines Land ist. Allein kann dieses Land nichts bewirken. Aber wenn andere Staaten sich zusammentun, um Krieg und Mord zu beenden, dann könnte man helfen. Ach so, geht nicht, wir sind ja neutral!

Die österreichische Neutralität hat ein weiteres Problem. Die EU entwickelt sich langsam aber unaufhaltsam zu den Vereinigten Staaten von Europa. Finde ich sehr gut, nicht nur aus Idealismus sondern aus vielen praktischen Gründen. Einer besteht darin, dass ein europäisches Heer genau die Möglichkeiten hätte, die man braucht, um in Konflikten Frieden zu stiften. Die Neutralität verbietet das. Wir werden früher oder später vor die Wahl gestellt werden, entweder Europa oder Neutralität. Man kann sich in einer Gemeinschaft nicht die Rosinen herauspicken und kneifen, wenn es ungemütlich wird.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich bin kein Pazifist mehr. Er funktioniert einfach nicht bzw. er funktioniert genau dann nicht wenn es darauf ankommt. Ich bin von den Pazifisten zu den Bienen gewechselt, friedlich aber wehrhaft. Das funktioniert besser.

Bei meinen kurzen Recherchen zum Pazifismus bin ich auf den heiligen Augustinus und die Lehre vom gerechten Krieg gestoßen. Ich bin zwar kein Christ aber manchmal haben die Christen gute Sprüche:

Augustins Kriterien für einen gerechten Krieg des vom Christentum geprägten Römischen Reiches waren:

  • Er muss dem Frieden dienen und diesen wiederherstellen (iustus finis).
  • Er darf sich nur gegen begangenes, dem Feind vorwerfbares Unrecht – eine gravierende Verletzung oder Bedrohung der Rechtsordnung – richten, das wegen des feindlichen Verhaltens fortbesteht (causa iusta).
  • Eine legitime Autorität – Gott oder ein Fürst (princeps) – muss den Krieg anordnen (legitima auctoritas). Dabei muss der Fürst die innerstaatliche Ordnung wahren, d. h. die gegebenen Strukturen des Befehlens und Gehorchens.
  • Sein Kriegsbefehl darf nicht gegen Gottes Gebot verstoßen: Der Soldat muss ihn als Dienst am Frieden einsehen und ausführen können.

Augustinus hat von 354 bis 430 gelebt, von dem könnten die Sozialdemokraten und die Grünen noch was lernen. In etwas modernere Form gebracht könnte man das übernehmen. Und wenn man Gottes Gebot durch Menschenrechte ersetzt, die durch einen neutralen Schiedsrichter bewertet werden, könnte man das auch in eine andere Form der Neutralität einbinden.

Die pazifistische Grundeinstellung der Grünen und der SPÖ lehne ich inzwischen völlig ab. Zu behaupten, auf der Seite der Schwächeren zu stehen, aber die Leute im Stich lassen und sich hinter Pazifismus und Neutralität verstecken, wenn es drauf ankommt, ist nicht meine Grundeinstellung. Mit sozialer Demokratie hat das nichts zu tun! Und wenn es Leute gibt, die das anders sehen, dann sollen sie aufhören die Internationale zu singen!

Freundschaft

Peter

www.welt.de/debatte/kommentare/article153862512/Kaessmanns-Pazifismus-ist-vor-allem-eines-nicht-christlich.html

de.wikipedia.org/wiki/Augustinus_von_Hippo#Die_Lehre_vom_gerechten_Krieg

Advertisements

Autor: mittiweb

Baujahr 1966, männlich, SPÖ seit langem, vorher VSSTÖ und Kritische Medizin, Dr.med, Facharzt Radiologie (Studium Innsbruck), Bachelor of Sience (Studium der Naturwissenschaften Open University GB), Studium der Politikwissenschaften (Fächerbündel mit Zeitgeschichte und Volkswirtschaft, nicht abgeschlossen), Erweiterter Landesparteivorstand SPÖ VLBG seit 2016 (auf Einladung).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s