40. Allmacht gegen Logik oder Wie wird man Atheist

Logik

Allmacht gegen Logik

oder

Wie wird man Atheist

Ich war einmal gläubig. Gott und so. Das ist lange her. In meiner Jugendzeit, also wenn man anfängt, sich zu fragen, was das Ganze soll. Das geht auf einen meiner Religionslehrer zurück, echt ein lässiger Typ, der hat überzeugt, Idealismus ohne nachzudenken.

Dann ist ein anderer Religionslehrer gekommen, der wollte, dass wir denken, schwerer Fehler! Begonnen hat das Denken mit einem Spruch aus der Bibel: „Mach Dir die Erde Untertan“. Dieser Religionslehrer hat tatsächlich versucht, diesen Spruch als Aufruf zum Naturschutz zu interpretieren. Kennt ihr das Gefühl, wenn jemand etwas sagt und ihr denkt euch einfach: „So ein Blödsinn!“. Genauso ist es mir damals ergangen.

Die Menschen aus der Zeit dieses Spruches, haben nicht einmal gewusst, was Naturschutz überhaupt ist. Lebenserwartung 35 – 40 Jahre, den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, keine Medizin, jederzeit krank werden und sterben können, oft nicht wissen, was man morgen zu essen kriegt usw. Die haben andere Probleme gehabt. „Rettet die Wale“ war sicherlich das Letzte, was die Menschen damals bewegt hat. Wie auch immer dieser Spruch gemeint war, so sicherlich nicht!

Das hat mich geärgert, da habe ich angefangen, das zu tun, was der Religionslehrer wollte, Denken! Und dann kam irgendwann die entscheidende Frage: Woher wissen die das alles eigentlich? Da gibt es ein paar Bücher, Bibel, Koran, Talmud etc. , da stehen irgendwelche Sachen drin und die werden einfach als absolute Wahrheit angesehen. Aber woher wissen die Religionslehrer denn, dass das Alles stimmt? Kann man das überprüfen, kann man das beweisen? Vor allem sind diese Bücher in einer Zeit geschrieben worden, in der die meisten Menschen geglaubt haben, die Erde sei eine Scheibe. Die haben im Vergleich zu uns schlicht keine Ahnung gehabt.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass sämtliche Religionslehrer in allen Religionsstunden nicht einen einzigen Beweis für die Existenz all dieser Dinge vorgebracht haben. Es ist so, man muss glauben, überzeugt sein, Wahrheit erkennen, nur wer glaubt ist moralisch oder gut usw. usw. usw.. Kein Argument, kein Beweis, nicht einmal ein Indiz, nichts. Ich war verwirrt.

Ich liebe Gedankenexperimente, das war damals schon so, ich war 15. Mir ist damals folgendes „logisches(?!)“ Experiment eingefallen:

Nehmen wir an, die Welt sei von einem allmächtigen Gott geschaffen worden und zwar vor einer Stunde. Der liebe Gott (über lieb kann man streiten, aber das lassen wir jetzt einfach) hat die Welt, die wir kennen, einfach vor einer Stunde geschaffen und zwar so wie wir sie im Gedächtnis haben. Er hat das Universum geschaffen, unser Sonnensystem, die Erde, das Leben, all unsere Erinnerungen an frühere Zeiten, die es dann gar nicht gegeben hat, alle Fossilien in den Gesteinen, die uns die Erdgeschichte vorgaukeln, alle scheinbaren Naturgesetze, die ganze Menschheitsgeschichte, die es auch nicht gegeben hat, mit allen Geschichtsbüchern, Aufzeichnungen usw.. Da dieser allmächtige Gott allmächtig ist, kann er das. Wenn irgendjemand einen Beweis dafür hat, dass das nicht möglich wäre, kann er mir das gerne schreiben, ich habe in den letzten 35 Jahren keinen gefunden. So weit so gut, es könnte so gewesen sein.

Jetzt machen wir folgendes, wir verlegen das Gedankenexperiment in die Zukunft. Nehmen wir an, wir machen morgen um die gleiche Zeit das gleiche Gedankenexperiment. Wir nehmen also in 24 Stunden an, die Welt sei vor einer Stunde erschaffen worden. Das könnten wir machen, es spricht nichts dagegen, wenn es heute geht, muss es morgen auch gehen. Der Haken: Wenn wir morgen (also in 24 Stunden) vor einer Stunde erschaffen werden, dann existieren wir noch gar nicht, weil die Welt ja erst in 23 Stunden erschaffen wird! Dich, den Leser dieses Artikels, gibt es also überhaupt noch nicht. Theoretisch wäre es möglich. Unlogisch!

Das Gedankenexperiment hat mich fasziniert und gleichzeitig noch mehr verwirrt. Es gibt übrigens andere ähnliche Gedankenexperimente zu diesem Thema, ich habe einmal eines in einem Leserbrief des Magazins „Spektrum der Wissenschaften“ zum Thema Religion entdeckt. Ich habe lange gebraucht, viele Jahre, um herauszufinden, was es bedeutet. Das Experiment hat den Charakter eines mathematischen Beweises.

Die Mathematik funktioniert über mathematische Beweise. Grundlage dieser Beweise sind sogenannte Axiome, unbewiesene Tatsachen. 1 + 1 = 2 ist ein Beispiel für so ein Axiom. Jeder weiß, dass 1 + 1 = 2 stimmt, aber woher eigentlich? Kann irgendjemand von euch beweisen, dass das stimmt? Geht  nicht! 1 + 1 = 2 ist unbewiesen, es ist eine Beobachtung, die überall richtig zu sein scheint, es gibt keine Beobachtung, die dagegen spricht. Es ist also so eine Art Naturgesetz. Das sind Gesetze, die nach Beobachtung unabhängig von Ort und Zeit immer richtig sind. Der Bereich der Mathematik, die sich mit Axiomen beschäftigt, nennt man Axiomatik. Meines Wissens gibt es 17 mathematische Axiome, das könnte sich inzwischen wieder geändert haben, es sind aber erstaunlich wenige. Wenn man jetzt eine mathematische Formel hat und man will wissen, ob die Formel richtig ist, dann versucht man durch Umformungen oder Beweistechniken die Formel auf die Axiome zurückzuführen. Gelingt das, nimmt man an, die Formel ist richtig, führt es zu einem Widerspruch, nimmt man an, die Formel ist falsch. Diese Vorgangsweise ist extrem erfolgreich, die ganze Mathematik funktioniert so und damit alle Naturwissenschaften und die Technik.

Die Logik ist die Grundlage der Mathematik, sie besteht auch aus Regeln (darüber gibt es dicke Bücher), die ebenfalls den Charakter von Naturgesetzen haben, gleich den Axiomen.

Was passiert jetzt wenn man logisch über den Begriff der Allmacht nachzudenken versucht. Was Logik ist haben wir geklärt, aber was ist eigentlich Allmacht? Da gibt es eine schöne Definition von einem Freund (Theoretischer Physiker):

Allmacht bedeutet, dass man jedes Gesetz übertreten kann und jedes beliebige Gesetz schaffen kann, wo keines existiert, man kann einfach alles machen.

Bei meinem Gedankenexperiment ist die Logik das Axiom: „Das logische Denken ist richtig“. Der allmächtige Gott ist die zu beweisende Formel: „Es gibt einen allmächtigen Gott“. Das Gedankenexperiment führt zum Widerspruch, was heißt: „Wenn die Logik richtig ist, kann es keinen allmächtigen Gott geben“. Das Problem: Man könnte das Gedankenexperiment auch umdrehen. Man könnte als Axiom die Aussage nehmen: „Es gibt einen allmächtigen Gott“, und als Formel: „Die Logik ist richtig“. Dann wäre das Ergebnis die Aussage: „Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, ist die Logik falsch“. Eigentlich ist es ja klar. Ein allmächtiger Gott kann auch dann existieren, wenn er logisch widerlegt wird, er muss sich ja nicht an die Gesetze der Logik halten, eben allmächtig!

Doch welches Axiom ist richtig? Hält sich unsere Welt an Naturgesetze, oder gibt es da etwas, was die Naturgesetze missachten kann? Die Religionsgemeinschaften sind sich dieses philosophischen Problems bewusst und deswegen gibt es im Christentum das „Wunder“. Also Ereignisse, die nicht naturwissenschaftlich erklärbar sind. Die werden dann als Gottesbeweis betrachtet.

Das Problem bei den Wundern: Die passieren immer woanders! Ich würde so gerne einmal ein Wunder sehen! Aber die Wunder meiden mich, wie die Regenwürmer das Sonnenlicht, das ist zwar kein Beweis, aber zumindest sehr verdächtig. Wundersam ist hingegen, was die Leute alles für ein Wunder halten. Zum Wunder gehört offensichtlich die Leichtgläubigkeit, man muss glauben, was einem gesagt wird, ohne es zu hinterfragen.

Ich habe einmal das Ergebnis einer Wunderheilung gesehen. Das war ein Kind mit einem Hirntumor. Der Tumor ist operiert worden und nach kürzester Zeit war der Tumor wieder da. Den Eltern ist gesagt worden, das Kind wird sterben. Ist es aber nicht. Aus unerklärlichen Gründen hat der neuerliche Tumor die Operationshöhle ausgefüllt, ist dann stehen geblieben und dann sogar wieder geschrumpft. Das Kind lebt heute noch. Das Problem: Wenn irgendwo im Körper eine Wundhöhle verursacht wird, entsteht Granulationsgewebe, sogenanntes Wundfleisch. Das füllt die Wundhöhle aus, bleibt dann stehen und zieht sich dann zusammen. Es entsteht eine Narbe. Jede Hautwunde wird so geschlossen. Das ist im Hirn zwar ungewöhnlich, wird der Mechanismus ausgelöst, läuft er aber vollautomatisch ab. Würde mich nicht wundern, wenn man bei einer Probe des wundergeheilten Tumors schlicht und ergreifend Narbengewebe finden würde. Blöd aber auch, schon wieder kein Wunder!

Beobachtet man die Natur, gibt es 2 Phänomene: Die man durch Naturgesetze erklären kann und die man noch nicht erklären kann, und die werden zahlenmäßig immer weniger. Bestätigte Beobachtungen, die für ein allmächtiges Wesen sprechen, gibt es keine, jedenfalls nicht für einen nicht leichtgläubigen Menschen. Man braucht also keinen Gott, um die Welt erklären zu können. Naturwissenschaften, Mathematik und Logik sind als Axiome völlig ausreichend. Oder wie der Mathematiker Laplace zu Napoleon über Gott gesagt hat: „Auf diese Hypothese bin ich nicht angewiesen“.

Ich kann das heute besser formulieren, mein Wissensstand ist größer als damals mit 15. Aber im Prinzip sind mir damals all diese Dinge auf einfachere Weise sehr schnell klar geworden (hat ungefähr 3 Monate gedauert). Und doch ist ein letzter Zweifel geblieben. Wenn es keinen Beweis für die Existenz eines Gottes gibt, warum glauben dann so viele Menschen an einen? Das war die letzte Frage, die mich mit 15 vom Atheismus abgehalten hat.

Die Frage wurde auf einer Busfahrt beantwortet. Ein Schulkollege hat sich auf dem Weg nach Bregenz in Hard neben mich gesetzt und wir sind ins Diskutieren gekommen. Irgendwie sind wir bei Gott gelandet. Ich habe ihm meine Zweifel und meine Argumente dargelegt, worauf er eine überraschende Antwort gegeben hat: „Ich kann gegen deine Argumente nichts sagen, aber ich werde trotzdem an Gott glauben. Denn wenn ich wüsste, dass es keinen Gott gibt, hätte das Leben für mich keinen Sinn mehr“. Ich bin genau in diesem Moment zum Atheist geworden. Der Satz hat nämlich den Verdacht bestätigt, dass die Menschen nicht an Gott glauben, weil es einen gibt, sondern weil sie wollen, dass es einen gibt. Sie brauchen ihn.

Es ist ganz einfach. Wir Menschen sind Lebewesen, wir wollen leben. Sterben und dann nicht mehr da sein, ist für viele eine nicht zu ertragende Vorstellung. Deswegen hofft man, dass es anders ist. Viele Menschen leben besser mit einer unrealistischen Illusion als mit der nicht immer sympathischen Realität. Und jede Religion ist in irgendeiner Weise mit der Hoffnung auf ein danach verbunden.

Außerdem ist die Religion eine einfache Antwort auf alles, was man nicht weiß. Wissenschaftler müssen sich anstrengen, um etwas zu verstehen. Naturwissenschaft ist für viele zu kompliziert. Religiöse Menschen haben mit Gott eine Generalausrede, mit der sie alles auf simple Weise erklären können.

Die Religion ist die Wissenschaft der Einfältigen und der Schwachen.

Wobei schwach nicht dumm oder ungebildet bedeutet, sondern lediglich die nicht vorhandene Fähigkeit, eine unangenehme Realität akzeptieren zu können. Die Hoffnung ist so übermächtig, dass der gesunde Menschenverstand quasi psychisch überrumpelt wird. Deswegen gibt es auch religiöse Wissenschaftler.

Ein paar Jahre später habe ich bemerkt, dass man Gott nicht nur nicht beweisen kann sondern auch nicht widerlegen kann, so bin ich zum Agnostiker geworden und das bin ich heute noch.

Ein abschließendes Wort zur Sozialdemokratie. Eine Partei, die sich auf die Seite der Schwächeren stellt, sollte Menschen nicht dafür verurteilen, dass sie einfältig oder schwach sind. Viele Menschen wären ohne Religion hilflos oder unglücklich und das kann nicht das Ziel sozialdemokratischer Politik sein. Die Religionsfreiheit ist daher eine Grundlage sozialdemokratischer Politik und Menschen aller Religionen sollten in der Sozialdemokratie willkommen sein. Leider sind viele Religionen genauso rückständig, wie die Zeit in der sie entstanden sind. So sind Religionen oft der Quell undemokratischer und asozialer Grundeinstellungen. Daher sollte die Sozialdemokratie ihre Grundwerte über die der Religionen stellen. Grundwerte wie Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit müssen allen Religionen gegenüber unveräußerlich sein und sollten von allen Religionen uneingeschränkt geachtet werden müssen. Und es sollte meines Erachtens deutlicher als in der Vergangenheit Politik der SPÖ sein, dies auch einzufordern.

Freundschaft

Peter

 

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Autor: mittiweb

Baujahr 1966, männlich, SPÖ seit langem, vorher VSSTÖ und Kritische Medizin, Dr.med, Facharzt Radiologie (Studium Innsbruck), Bachelor of Sience (Studium der Naturwissenschaften Open University GB), Studium der Politikwissenschaften (Fächerbündel mit Zeitgeschichte und Volkswirtschaft, nicht abgeschlossen), Erweiterter Landesparteivorstand SPÖ VLBG seit 2016 (auf Einladung).

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