48. Das Wunder Mensch oder Die Reform der Sozialversicherungen oder Der demokratische Planmarkt 2

Krankenversicherung

Das Wunder Mensch

oder

Die Reform der Sozialversicherungen

oder

Der demokratische Planmarkt 2

 

Wie komme ich dazu über die Sozialversicherungen zu schreiben? Ganz einfach, ich bin Arzt. Und wenn man 20 Jahre als Arzt in diesem System arbeitet und das auch noch in unterschiedlichen Situationen (zuerst Landesbeamter, später selbstständig), dann kriegt man einiges mit, vor allem, wenn man sich für Politik und Volkswirtschaft interessiert und aus diesem Blickwinkel beobachtet. Besonders als Selbstständiger kriegt man so einiges mit, was die Mechanismen anbelangt.

So überlege ich mir schon seit längerem, wie man die Sache besser machen könnte. Die Überlegungen des letzten Artikels (Nr. 47 Die Jing-Jang Ökonomie oder Der demokratische Planmarkt) sind dabei die Grundlage für meine Herangehensweise.

Doch angefangen hat dieser Artikel in Amerika oder genauer in den USA, in einem Flugzeug Richtung Niagara-Fälle vor ca. 25 Jahren. Ich habe dort eine amerikanische Studentin aus Rochester kennengelernt (Maria, dort wie Mori ausgesprochen) mit der ich eher zufällig über das amerikanische Krankenversicherungssystem zu diskutieren begonnen habe. In diesem Gespräch hat sie mir erzählt, wie das so ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

In Österreich ist fast jeder, der arbeitet, pflichtversichert. Das hat den großen Vorteil, dass praktisch niemand oder nur sehr wenige durch den Rost fallen. In den USA muss man sich selber versichern. Das machen viele nicht bzw. können es sich viele einfach nicht leisten. Das geht genauso lange gut, wie man gesund ist. Wenn nicht, hat man ein Problem. Dieser Umstand ist so ausgeprägt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA 2 Jahre geringer ist, als in Österreich oder Europa. Der zweite Grund ist meines Wissens die hohe Anzahl von Schussverletzungen, aber das ist ein anderes Kapitel. Die geringere Lebenserwartung steht enormen Kosten gegenüber, die Amerikaner (USA) geben prozentuell für Gesundheit deutlich mehr aus als die Österreicher. Man sieht daran, wie ineffektiv dieses System ist.

versichert

Krankenversicherung a la USA

Das selber versichern hat für den Versicherungsnehmer 2 große Nachteile. Erstens muss man sich selber um alles kümmern. Den Aufwand kriegt man in Österreich gar nicht mit, weil alles vollautomatisch läuft. Zweitens ist Ottonormalo kein Versicherungsexperte und hat das Problem einem Versicherungsmakler gegenüber zu sitzen, der besser informiert ist und profitorientiert arbeiten muss d.h. gar kein Interesse am besten Ergebnis für den Kunden hat sondern ausschließlich am eigenen finanziellen Erfolg. Wenn man Pech hat und auf Grund von gesundheitlichen Problemen nicht profitabel versicherbar ist, kriegt man keine Versicherung, Pech gehabt. Das ist in Österreich bei den Privatversicherungen übrigens das gleiche, kommt später noch.

Betrachten wir Österreich. Viele sind ASVG-versichert, was heißt, sie sind pflichtversichert. Die Vorteile dieser Situation habe ich bereits geschildert, alles geht vollautomatisch. Leider umfasst diese Pflichtversicherung nicht die gesamte Gesellschaft, sodass es auch in Österreich vorkommen kann, dass man für Behandlungen kein Geld bekommt bzw. das soziale Netz nicht funktioniert. Bei Touristen ist das Problem besonders ausgeprägt. Die österreichischen Krankenhäuser haben große Ausstände, weil Touristen ihre Behandlungskosten nicht bezahlen, bzw. ausländische Versicherungen säumig sind.

Die Pflichtversicherung wäre kein Problem, wenn die Versicherten irgendeine Wahlmöglichkeit hätten. Aber genau das ist nicht der Fall. Den Versicherten wird die Versicherung vorgeschrieben. Ist  jemand unzufrieden kann er nicht wechseln. Die Leute sind also nicht nur pflicht- sondern zwangsversichert.

Noch problematischer wird das, wenn man das aus Sicht der Versicherungen betrachtet. Die Versicherungsfunktionäre wissen nämlich, dass ihnen die Kundschaft nicht davon laufen kann. Und genauso verhalten sie sich. Sie befinden sich in einer unantastbaren Machtposition mit allen damit verbundenen negativen Auswirkungen sowohl für die Versicherten als auch für die Geschäftspartner. Viele Probleme in diesem Bereich wären meines Erachtens morgen um 8 Uhr bei Dienstbeginn gelöst, wenn die Funktionäre wüssten, dass die Leute wechseln können. Der Versicherte wäre nicht mehr Gefangener sondern Kunde. Dabei sind die Funktionäre nicht persönlich schuld, die könnten, wenn sie müssten. Ich kenne die Leute in VLBG zum Teil persönlich, das sind alles gscheite Leut, daran haperts nicht. Sie verhalten sich halt systemkonform. Warum sollten sie sich anstrengen, wenn sie nicht müssen.

Am deutlichsten wird die Machtposition z.B. der GKK, wenn man sich eine Situation überlegt, in der man die GKK aus irgendwelchen Gründen klagen will. Selber braucht man einen Rechtsanwalt, den man zahlen muss, man geht also ein persönliches Risiko ein. Den GKK-Funktionären ist das wurscht, zahlen ja die Versicherten. Die Situation macht sie rechtlich unangreifbar, weswegen sie sich vieles erlauben können, was andere nicht tun würden. Aus diesem Grund werden Konflikte oft auf dem Rücken der Patienten ausgetragen, weil der unzufriedene Patient und die damit verbundene öffentliche Meinung das einzige Druckmittel ist, das gegenüber der GKK bleibt.

Ein weiterer Nachteil eines solchen Monopolsystems besteht darin, dass es keine Vergleichsmöglichkeiten gibt. Ohne Vergleich kann man nicht wissen ob etwas gut ist. Durch die fehlende Konkurrenz und ohne Vergleichsmöglichkeit ist jede Entwicklung schwierig, das System erstarrt. Die fehlende Konkurrenz entfernt auch die notwendigen Leistungsanreize aus dem System mit allen negativen Folgen.

Der große ökonomische Nachteil, den die ASVG-Versicherungen haben, sie müssen jeden versichern, insbesondere auch Leute, die sonst keine Versicherung finden würden, weil nicht profitabel versicherbar. Da die Gesunden die Kranken mitversichern versuchen die ASVG-Versicherungen möglichst viele Gesunde in ihre Versicherungen zu zwingen, um die Finanzierung zu gewährleisten. Typisches Beispiel aus Vorarlberg, Schilehrer. Es gibt aber zahlreiche andere Beispiele.

Auf der anderen Seite stehen die privaten Krankenversicherer, die sich die Rosinen herauspicken. Chronisch Kranke werden entweder nicht genommen oder per schön formuliertem Fußtritt vor die Türe gesetzt. Am zynischsten ist die Vorgangsweise der Merkur-Versicherung, die mit dem Slogan „Wir versichern das Wunder Mensch“ Werbung macht. Wird man von dieser Versicherung weil nicht gewinnbringend vor die Türe gesetzt, wird das auch noch mit einem Satz begründet, in dem man behauptet, dies im Sinne der Gleichbehandlung zu tun. Selber bei Bekannten erlebt. Ist man als Profitobjekt nicht geeignet, darf sich Mensch wundern, wie wenig man der Merkurversicherung plötzlich wert ist. Die Privatversicherungen können dabei bis zu einem gewissen Grad nichts dafür, sie müssen profitorientiert handeln, sonst bleiben sie durch die Konkurrenz auf der Strecke. Aber man könnte das mit ein bisschen Anstand machen und nicht mit dem Zynismus einer Merkurversicherung.

Das geschilderte zeigt:

Das Gesundheitssystem ist für die Privatwirtschaft nicht geeignet.

Der Spruch stammt nicht von mir sondern interessanterweise aus der Wirtschaftskammer. Ich war selber überrascht, dies aus dem Munde eines Wirtschaftskammerfunktionärs zu hören.

Die derzeit geplante Reform der Sozialversicherungen würde an den eigentlichen Problemen nichts ändern. Man kann durch Zentralisierung bis zu einem gewissen Grad Verwaltungskosten sparen, das hat aber auch Nachteile. An den Problemen einer Monopolstruktur ändert sich dadurch nichts, ganz im Gegenteil. Offensichtlich geht es hier um eine parteipolitisch motivierte Säuberungsaktion mit Machtzentralisierung, man könnte es auch als „Gleichschaltung“ bezeichnen. Der einzig sichere Effekt ist die Zerstörung des sozialen Friedens, für den Österreich lange Zeit berühmt war.

Doch wie könnte man es machen?

Folgende Ideen, denen die Denkweise eines demokratischen Planmarktes (siehe Art.47) zu Grunde liegen.

  1. Allgemeine Versicherungspflicht:

Dies würde gewährleisten, dass einerseits niemand durch das soziale Netz fallen kann, andererseits würde es jedem Behandler im Gesundheitssystem garantieren, dass notwendige Leistungen auch honoriert werden. Ich würde das an die Meldepflicht koppeln. Dadurch würden auch Touristen und Besucher von dem System erfasst.

  1. Versicherungsautomatik:

Eine automatische Versicherung würde garantieren, dass keine Fehler passieren und kann leichter effizient organisiert werden. Es ist besonders bürgerfreundlich, man muss sich um nichts kümmern, wenn man nicht will, kann aber, wenn man möchte. Jede Person sollte dabei so wie jetzt einer bestimmten öffentlichen Versicherung zugeordnet werden.

3.  Versicherungsfreiheit:

Der Versicherte sollte das Recht haben, die Versicherung zu wechseln. Die oben geschilderten Missstände einer Monopolsituation könnten so verhindert werden und es kann leistungsfördernde Konkurrenz hergestellt werden.

  1. Zentralversicherung:

Die Kosten der nicht profitabel versicherbaren Personen sollten von einer Zentralversicherung übernommen werden. An dieser Zentralversicherung müssten sich alle Krankenversicherer privat wie öffentlich ihrem Marktanteil entsprechend beteiligen. So wäre gewährleistet, dass sich private Versicherer nicht die Rosinen herauspicken können, es würde also Chancengleichheit hergestellt. Andererseits hätten auch chronisch kranke Personen die Wahlmöglichkeit, weil sie für die Versicherungen keinen ökonomischen Nachteil mehr bedeuten würden. Die Zentralversicherung sollte auch zentrale Organisationseinheit sein, in der sich alle Krankenversicherer und die Politik treffen, um das System gemeinsam zu organisieren wie z.B. einheitliche Versicherungskarte oder IT-System für alle Versicherten und Behandler usw.

  1. Einheitliche Standards

Es müssten einheitliche Versicherungsstandards definiert werden, sodass sich jeder Versicherte darauf verlassen kann, bei bestimmten Produkten nicht über den Tisch gezogen zu werden. Auch die Krankenversicherer selbst sollten bestimmte Standards erfüllen müssen, sodass die immer schlechter informierten Versicherungsnehmer keine groben Fehler machen können.

  1. Werbeverbot und Informationspflicht

Die Marktwirtschaft hat den Nachteil, dass sie über Werbung, also vorsätzliche Fehlinformation, die auch noch Geld kostet, funktioniert. Das ist im Gesundheitssystem besonders gefährlich, und sollte daher verboten werden. Andererseits brauchen Behandler und Patienten Informationen, um Entscheidungen treffen zu können. Es sollte daher eine zentrale Informationsstelle geben, die alle relevanten Informationen über Leistungen und Preise sammelt und in vergleichbarer und geordneter Form zur Verfügung stellt. Jeder Patient und Behandler sollte sich umfassend und objektiv informieren können. Die Behandler sollten umgekehrt nur Leistungen erbringen dürfen, über die sie vorher umfassend und überprüfbar informiert haben.

Die 6 Punkte charakterisieren ein System, dass einem streng geregeltem Markt entspricht, in dem staatliche demokratisch kontrollierte Planung und Markt sowie öffentliche und private Organisationen eng miteinander verflochten sind. Es garantiert ein komplett durchorganisiertes Gesundheitssystem auf das sich jeder vom Millionär bis zum Obdachlosen verlassen kann, in dem die Kosten gerecht verteilt werden, Monopole mit ihren Nachteilen verhindert werden sowie durch den Markt Leistungsanreize vorhanden sind und Wahl- und Vergleichsmöglichkeiten bestehen. Die öffentlichen Versicherungen hätten dabei einen kleinen Vorteil, da sie nicht profitorientiert sind und nur ausgeglichen bilanzieren müssen.

Eine solche Reform wäre meines Erachtens wesentlich sinnvoller als eine, bei der es nur um parteipolitische Machtmaximierung geht. Die Vorschläge sind ein Beispiel wie ich mir einen demokratischen Planmarkt vorstelle.

Freundschaft

Peter

 

 

 

 

 

 

 

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Autor: mittiweb

Baujahr 1966, männlich, SPÖ seit langem, vorher VSSTÖ und Kritische Medizin, Dr.med, Facharzt Radiologie (Studium Innsbruck), Bachelor of Sience (Studium der Naturwissenschaften Open University GB), Studium der Politikwissenschaften (Fächerbündel mit Zeitgeschichte und Volkswirtschaft, nicht abgeschlossen), Erweiterter Landesparteivorstand SPÖ VLBG seit 2016 (auf Einladung), am 19.9.2018 aus der SPÖ ausgetreten.

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